Investmententscheidungen Märkte

Matrizen, Mutmaßungen und Mythen

von Joachim Goldberg am 6. September 2017

Es hat mich doch erstaunt, welche Art von Research ich während der vergangenen Tage von verschiedenen Analysten auf den Tisch bekommen habe. Fangen wir mit dem Naheliegenden an. Nachdem der DAX in der vergangenen Woche wie vielerorts angekündigt oder befürchtet seine 200-Tage-Linie von oben nach unten (nach gängiger Lesart gleichbedeutend mit einem Verkaufssignal, vgl. auch meinen Kommentar zu diesem Mythos: HIER) und nur 48 Stunden später wieder von unten nach oben durchstoßen hatte (Kaufsignal, Basis Schlusskurs, tatsächliche Exekution meist schlechter), ergab sich erwartungsgemäß ein Verlustsignal. Aber heute Morgen muss ich erneut diesen fürchterlichen Unsinn lesen, wonach es für den DAX möglicherweise wieder zappenduster aussähe, wenn die 200-Tage-Linie (heute bei 12.045 DAX Zählern) ihre Unterstützung versagen und überdies die runde 12.000er Marke kurz danach zur Disposition stünde. Ob es wohl dieses Mal klappt?

Zum zweiten bekomme ich Überlegungen präsentiert, was wohl dem Euro nach der morgigen Sitzung der Europäischen Zentralbank alles passieren könnte. Folgende Szenarien befinden sich derzeit vielerorts im Angebot. Wird EZB-Präsident Mario Draghi

 

a)     …wohl eine Ankündigung oder nur versteckte Andeutung machen, ob – sofern die ökonomischen Voraussetzungen gegeben sind – bei der darauffolgenden Zusammenkunft des EZB-Rats am 26. Oktober über einen sanften Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm entschieden wird?

oder

b)     werden bereits Morgen Nägel mit Köpfen gemacht und direkt eine geldpolitische Wende eingeläutet (unwahrscheinlich)?

oder sagt …

c)     …Draghi gar nichts zu diesem Thema?

 

Und dann lese ich sinngemäß:

Wenn a) geschieht, dann könnte der Euro steigen

wenn b) eintritt, dann könnte der Euro ganz besonders stark steigen und

Wenn c) geschieht, könnte die Gemeinschaftswährung – weil dann alle enttäuscht sind – ganz deutlich fallen.

Das ganze natürlich unter der Voraussetzung, dass auf dieser Welt sonst nichts Dramatisches (Stichwort: Nordkorea, USA) passiert.

 

Vielleicht ist es Ihnen genauso ergangen wie mir. Was im Idealfall wie eine simple Entscheidungsmatrix aussieht, ist an viele andere Bedingungen geknüpft. Bedingungen, durch die sich die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser einfach aussehenden Szenarien mit jedem hinzukommenden Element weiter verringert. Denn es muss in einem solchen Szenario nur eine Voraussetzung nicht eintreffen, Mario Draghi sich (und das ist nicht unwahrscheinlich) nicht ganz klar ausdrücken oder eine Entscheidung unter weiteren Bedingungen ankündigen, und das ganze analytische Kartenhaus bricht zusammen. Was mag erst geschehen, wenn der Markt bereits vor der Zentralbanksitzung positioniert ist? Angesichts der Informationsvielfalt an den Finanzmärkten lieben wir scheinbar simple Szenarien – was allerdings mit dem Nachteil verbunden ist, dass wir angesichts der tatsächlichen Komplexität dessen, was geschehen könnte, nur einen ganz winzigen Ausschnitt sehen können.

Relativ einfach ist indes die Umfrage der Börse Frankfurt, die diese allwöchentlich mit ihren Investoren veranstaltet. Das Ergebnis und meinen Kommentar dazu finden Sie A) schriftlich HIER oder B) als Video-Interview DORT.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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