Investmententscheidungen Märkte

Wiederbelebter Mythos

von Joachim Goldberg am 30. August 2017

Es mögen während der vergangenen Tage viele Gründe dafür gesprochen haben, deutsche Aktien zu verkaufen. Den Vogel schossen jedoch Analysten und Kommentatoren am gestrigen Handelstag ab, denn es trafen gleich zwei Umstände zusammen, warum es den DAX besonders stark erwischt hatte. Zum einen wurde die sagenumwobene runde 12.000er-Linie unterschritten, was für sich alleine betrachtet schon bei vielen Anlegern offensichtlich große Angst auslöst. Weil aber auch noch fast gleichzeitig die 200-Tage-Linie des DAX von oben nach unten durchstoßen wurde, war anscheinend das Maß voll: Kurzfristig haben offensichtlich die Bären das Zepter des Handelns in die Hand genommen.

Nun ist es schon länger her, seit wir uns das letzte Mal mit einer Überquerung der 200-Tage-Linie des DAX befasst haben. Tatsächlich stammt das letzte Signal vom 20. Juli 2016[1], und wer seinerzeit mit 10.142 Zählern (auf Basis Schlusskurs) beim DAX eingestiegen ist, konnte mit dem gestrigen Verkaufssignal einen satten Gewinn von sage und schreibe rund 17 Prozent einstreichen. Ist die 200-Tage-Linie offensichtlich doch mehr als ein Mythos?, mögen sich viele gefragt haben. Tatsächlich muss man bis ins Jahr 2013 zurückgehen, denn damals hätte man zuletzt einen ähnlich hohen Gewinn des DAX mit Hilfe der 200-Tage-Linie realisieren können. 2015 wären sogar mit einem Trade dieser Art mehr als 10 Prozent zu verdienen gewesen. Danach gab es im selben Jahr leider auch fünf Mal falschen Alarm, gefolgt von einem kleineren Profit und elf weiteren, teils teuren Fehlsignalen in 2016.

 

Hohe psychische Belastung

Was bei dieser Strategie übrigens gerne verschwiegen wird, ist die psychische Belastung, die entsteht, wenn man dieser Systematik folgt. Nicht nur, dass man sehr lange warten muss, bis man einen großen Gewinn realisieren kann, sondern meist auch noch einen hohen Teil bereits mental verfrühstückter Buchgewinne wieder hergeben muss. Doch es sind vor allem die mitunter langen Serien von Fehlsignalen, die per se gar nicht einmal so teuer sein müssen. Aber selbst kleine Verluste sind nur schwer auszuhalten, wenn sie sich wie im Beispiel erwähnt elf Mal hintereinander und auch noch in kürzeren Zeitabständen ereignen. Und so ist es kein Wunder, dass gerne über die 200-Tage-Linie geredet und geschrieben, aber kaum profitabel danach gehandelt wird. Übrigens: Die Wahrscheinlichkeit, gestern ein profitables Verkaufssignal erhalten zu haben, ist sehr gering, denn es geschieht selten, dass der simple 200-Tage-Linie-Handelsansatz zwei Gewinnsignale hintereinander generiert.

Auch ein anderer Mythos hält sich hartnäckig: Es gibt immer noch Analysten und Kommentatoren, die der 200-Tage-Linie seltsame Kraft bescheinigen. Danach sollen die Kurse häufig an diesem Durchschnitt der vergangenen 200 Tage abprallen und nicht selten das Ende wichtiger Korrekturbewegungen markieren. Abprallen können die Kurse allerdings nur, wenn an dieser Linie tatsächlich Angebot oder Nachfrage besteht. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass sich ausgerechnet an diesem Durchschnittswert der vergangenen 200 Tage alte Positionen schiefliegender Akteure befinden. Alles nur Zufall also? Ich möchte mich zumindest auf solche Annahmen nicht verlassen.

Interessanter ist daher die wöchentliche Befragung zur Anlegerstimmung, die die Börse Frankfurt unter institutionellen und privaten Investoren durchführt und die ich dieses Mal HIER schriftlich und DORT in Form eines Video-Interviews kommentiert habe.

 

[1] Es handelt sich dabei um die Aneinanderreihung täglich ermittelter Durchschnittskurse, beispielsweise des DAX‘ (Schlusskurse) über die vergangenen 200 Tage. Bereits vor vielen Dekaden hat sich dabei folgende Börsenregel herausgebildet. In ihrer einfachsten Form besagt sie, dass ein Überschreiten dieser Linie durch den Aktienindex (das gilt auch für andere Märkte) per Schlusskurs von unten nach oben einen Kauf signalisiert, während ein Überqueren von oben nach unten ein Verkaufssignal bedeutet.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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