Investmententscheidungen Märkte

Contrarian? Nicht immer zahlt sich Dagegenhalten aus

von Joachim Goldberg am 1. März 2017

Las heute Morgen mit großem Interesse in der Börsenzeitung über „Die hohe Kunst des Anti-Mainstream“ und Contrarian-Investments nach langen Marktzyklen. Diese Strategie der so genannten Contrary Opinion machte an den Futures-Märkten in den USA schon vor vielen Jahrzehnten von sich Reden. Danach soll es sich auszahlen, wenn man seine Meinung gegen die Masse der Akteure, vor allem in Extremphasen eines Marktes, ausrichtet. Mit anderen Worten: Ist die Mehrheit der Börsianer vornehmlich nach einem langen Aufwärtstrend optimistisch, solle man besser verkaufen, weil die Herde schon gekauft hat. Analog dazu ist es sinnvoll, entsprechend dieses Ansatzes zu kaufen, wenn das Gros der Börsianer extrem pessimistisch und der Markt praktisch am Boden liegt.

Immer gegen die Masse zu handeln hört sich zunächst einmal spannend, profitabel und heldenhaft an, weil es mit einer derartigen Strategie möglicherweise gelingen könnte, am untersten Punkt einer Aktienkursentwicklung einzusteigen bzw. am Höhepunkt einer Bewegung zu verkaufen. Auch momentan gehen viele Akteure davon aus, dass am deutschen Aktienmerkt der größte Teil der Aufwärtsbewegung bereits hinter uns liegt und für einen „überoptimistischen Markt“ eigentlich nur noch eine Ingredienz fehlt: Euphorie. Es wäre für einen sogenannten Contrarian geradezu himmlisch, wenn der DAX ein neues Allzeithoch markierte und eine extrem positive Stimmung damit einherginge. Ein Blick auf die technischen Indikatoren würde einen in dieser Haltung noch bestätigen, da sich der Markt in dieser Situation naturgemäß in einer überkauften Situation befinden muss. Der Contrarian müsste also nur noch verkaufen.

 

Nicht blindlings dagegenhalten

Dennoch sollte man nicht blindlings nach diesem Grundsatz handeln, denn man kann ohne weiteres auch bei solchen extremen Anzeichen eines starken Trends immer noch von der Masse überrannt werden. Aus Sicht der Behavioral Finance erscheint eine Contrarian-Strategie nur dann als sinnvoll, wenn die Herde auch groß genug ist und mit ihren Investments schiefliegt. Die Abneigung, Verluste zu realisieren (Verlustaversion), sorgt nämlich dafür, dass die Verlierer an ihr Engagement gefesselt blieben und so zum Untätigsein verurteilt wären.

Ein (wenn auch nicht immer exaktes) Instrument, solche Marktsituationen zu erkennen, stellen Sentiment-Erhebungen dar, die für Contrarians nicht nur an Extrempunkten im Markt, also alle Jubeljahre einmal, sondern auch in anderen Situationen profitable Handelsgelegenheiten eröffnen. Und zwar, wenn sich eine sogenannte Bias auftut, bei der etwa beim DAX ein Aufwärtstrend erkennbar ist, der aber mit fortschreitender Dauer von steigender Skepsis der Kommentatoren (Pessimismus) begleitet wird. Dieser Pessimismus ist ein Indiz dafür, dass diejenigen, die ihn äußern – sofern es sich um aktive Entscheider handelt – den Aufwärtstrend offensichtlich verpasst haben oder zunehmend dagegenhalten. Im besten Fall stützen sie im weiteren Verlauf nach einem deutlichen Rücksetzer den Markt durch ihre nachgeholten Käufe oder, sofern die Kurse davonrennen, im Rahmen einer Kaufpanik.

 

Der wahre Contrarian

Ein wahrer Contrarian zu sein bedeutet also als Daumenregel, auch in Trendphasen mit dem Trend zu gehen, sofern sich gleichzeitig die Stimmung eher gegenläufig zum Trend entwickelt.

Bleibt eigentlich nur noch die menschliche Psyche, die es schwer macht, aus solchen Marktgegebenheiten Kapital zu schlagen. Denn Contrarians sind im Augenblick des Handelns einsam, weil sie weder von anderen Investoren noch von der überwiegenden Zahl der Kommentatoren bestätigt werden. Gegen den Strom zu schwimmen kann, sofern sich nicht schnell Gewinne einstellen, ganz leicht zu kognitiven Dissonanzen führen. Vielleicht kann man es trainieren, derartige Dissonanzen zu überwinden, um zu einem erfolgreichen Contrarian zu werden. Sollten solche Trainings allerdings tatsächlich zum Erfolg führen, würden sie von vielen Menschen kopiert werden, weswegen sich eine neue Gefahr ergäbe: Nämlich zu einer neuen Herde zugehören.

Ob man bereits heute als Contrarian aktiv werden könnte, entnehmen Sie bitte meiner neuesten Analyse zur DAX-Stimmung die ich wie immer HIER für die Börse Frankfurt erstellt habe.

SCHLAGWÖRTER
4 Kommentare
  1. Antworten

    Samendinger

    6. März 2017

    Sehr geehrter Herr Goldberg,

    Sie befragen für die Börse Frankfurt institutionelle und private Anleger. Zu den beiden Gruppen hätte ich folgende Frage :

    Die Gruppe der institutionellen Anleger dürfte sich v.a. aus Fondsmanager zusammensetzen. Handelt es sich hierbei nur um (deutsche) Fondsmanager, die hauptsächlich für deutsche Investoren aufgelegte Fonds betreuen, oder werden auch (ausländische) Fondsmanager befragt, die z.b. Fonds für amerikanische oder asiatische Anleger betreuen ? Würden die ‚Ausländer‘ dazugehören, so könnte man m.E. besser prognostizieren , ob und ggfls. in welchem Umfang auch ausländisches Kapital zu – bzw. abfließen könnte.

    Befragen Sie auch (private) Vermögensverwalter und zählen diese zu den Institutionellen oder den Privatanlegern ? Bei der Gruppe der Privatanleger dürfte es sich vermutlich um relativ wohlhabende Investoren handeln oder haben Sie auch die Möglichkeit Kleinanleger (wie auch immer man hier eine Abgrenzung vornehmen möchte) zu befragen, die in der Summe den Markt auch bewegen dürften.

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      6. März 2017

      Sehr geehrter Herr Samendinger,
      vielen Dank für Ihre Fragen, die im Großen und Ganzen HIER beantwortet werden. Bei den institutionellen Anlegern handelt es sich überwiegend um heimische Akteure. Oftmals sind Sie somit per Saldo das Gegenstück zu den langfristigen internationalen Kapitalströmen, die oftmals die Oberhand behalten: Ein Grund dafür, dass das heimische Sentiment oftmals als Kontra-Indikator herhalten muss.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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