von Joachim Goldberg am 23. November 2016

senti_23112016Das Phänomen Donald Trump beherrscht auch zwei Wochen nach der Wahl die Schlagzeilen in den Medien ebenso wie die Finanzmärkte. Dabei fällt auf, dass die Wall Street einerseits eine ausgelassene Trump-Party feiert (Börsenzeitung) und dem US-Aktienmarkt vor lauter Euphorie gestern im morgendlichen Newsletter des Handelsblatts gar ein 15-prozentiger Anstieg seit dem Wahltag bescheinigt wurde, den ich in dieser Größenordnung offenbar verpasst haben muss.

Andererseits wird dem hiesigen DAX offenbar eine Konsolidierungszone zum Verhängnis, aus der er trotz aller Jubelrufe aus den USA bislang nicht nach oben ausbrechen möchte. „Langsam wird es peinlich“, konstatierte etwa ard.boerse.de diesbezüglich online. Dabei haben sich im Vergleich zum S&P 500 sowohl der EURO STOXX 50 als auch der DAX gemessen an den Monatstiefs kurz vor oder nach dem Wahltag bislang nicht schlechter geschlagen. Aber ein 6-prozentiger Kursanstieg innerhalb einer sehr breiten, seit Wochen anhaltenden Konsolidierung klingt fast schon etwas langweilig. Dies scheinen die von der Börse Frankfurt allwöchentlich befragten Akteure aber immer noch positiv zu sehen – meinen Kommentar dazu können Sie dieses Mal HIER abrufen.

 

Die Videobotschaft

Natürlich kann man sich die Frage stellen, warum ausgerechnet Europa bzw. Deutschland von einem Wahlsieg Donald Trumps profitieren sollten. Denn trotz aller geplanten fiskalpolitischen Maßnahmen des designierten US-Präsidenten, sollte man selbst angesichts eines damit verbundenen Aufwärtstrends des US-Dollar und den damit möglicherweise erwarteten steigenden Erlösen für die europäische Exportwirtschaft nie vergessen: Amerika comes first. Und im Zweifel müssen andere [angesichts möglicherweise drohender Handelsbarrieren] aus den USA draußen bleiben.

Jetzt werden mir gleich wieder einige sagen, ich solle doch nicht so pessimistisch sein, denn auch Donald Trump sei doch bereits dabei, zurück zu rudern. Tatsächlich hatte dieser gestern in einer Videobotschaft die Prioritäten für die ersten 100 Tage seiner Amtszeit dargestellt. Kommentatoren mögen darin nichts Überraschendes gefunden haben und sogar darauf verweisen, dass es wichtiger sei, darauf zu achten, worauf Trump in seiner Botschaft nicht eingegangen sei. Mag sein, dass in dem etwa zwei-minütigen Videoclip nicht mehr die Rede von einer Mauer an der Grenze zu Mexiko ist. Auch dass die im Wahlkampf angekündigte Abschaffung von „Obamacare“ nicht mit einem Wort erwähnt wurde. Ganz zu schweigen von anderen von vielen als radikal empfundenen Maßnahmen. Kein Waterboarding also?

Dass all dies keine Erwähnung gefunden hat, heißt nicht, dass es nicht kommt.

 

Rabatte und Mentale Konten wirken

Ich höre schon wieder die Stimmen, die mir weismachen wollen, dass der Mann eigentlich gar nicht so schlimm sei. Dies mag, gemessen an den durch den Wahlkampf extrem gesetzten Referenzpunkten, sogar eine relative Verbesserung sein. Nein, Donald Trump verkauft uns nicht die nackte Wahrheit, sondern eine extreme Vision, reduziert um einen kleinen Rabatt, aber am Ende mit dem gleichen Ergebnis. Genau so, wie man eben einen Gebrauchtwagen verkaufen muss.

Die mentale Kontoführung sorgt dafür, dass wir den Rabatt aus einem überhöhten Verkaufspreis separat und deshalb wie einen Gewinn wahrnehmen. Genauso verhält es sich mit der Einladung der Chefs der wichtigsten Nachrichtensender von Trumps Gnaden am Montag, der bei dieser Gelegenheit seinen Gästen dem Vernehmen nach, obwohl „off the records“, der Lüge bezichtigte und so richtig den Kopf gewaschen haben soll, nur um einem seiner offenkundigen Gegner einen Tag später zu bedeuten, dass er doch alle ganz lieb habe und seine journalistischen Gäste ein großartiges Juwel für Amerika, ja, die ganze Welt seien.

Soll doch da noch jemand von einer bevorstehenden Einschränkung der Pressefreiheit fabulieren. Ich ziehe es jedenfalls vor, statt mich mit diesen Spiegelfechtereien zu beruhigen, mich nicht auf das zu konzentrieren, was Trump sagt, sondern darauf, was er tut. Und da muss man sich nur die von ihm geplante Besetzung der Schlüsselpositionen seiner Regierung ansehen, um zu begreifen, was in den USA trotz anderslautender Beteuerungen zu erwarten ist.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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