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Der Fluch der Negativzinsen

von Joachim Goldberg am 19. September 2016

schwarzes-lochEs ist ein kaum vorstellbares Szenario, das der Ex-IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff für den Fall eines Ausbruchs einer neuen Finanzkrise aufzeigt: drastische Minuszinsen von -5 oder -6 Prozent und eine weitgehende Bargeldabschaffung. Maßnahmen, deren Erfolg nicht einmal gesichert ist. Und Maßnahmen, die die meisten Menschen nicht verstehen werden. Das hätte sicherlich auch für meine Schwiegermutter gegolten, wenn sie denn noch am Leben wäre. Und ich frage mich, was sie wohl dazu gesagt hätte.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie sich in ihren letzten Lebensjahren häufig bei mir darüber beklagt hatte, dass sie angesichts der immer niedrigeren Zinsen immer weniger Taschengeld zur Verfügung habe. Damals hatte sie immerhin noch Staatsanleihen mit einem Coupon von 4 Prozent p. a. in ihrem Wertpapierdepot und konnte sich so die eine oder andere Ausgabe leisten, die sie sich sonst nicht gestattet hätte. Ja, die alte Dame stand für mich stellvertretend für viele andere Sparer in Deutschland. Denn sie verfolgte eine weitverbreitete Strategie, bei der sie im Geiste unbewusst nicht nur für das gesamte Kapital, sondern auch für jede einzelne Zinszahlung ein eigenes Konto (bekannt unter dem Begriff „mentale Konten“) eröffnete.

 

Ausgegeben statt gespart

Egal, wie gering diese Zinszahlungen waren – meine Schwiegermutter erlebte sie wie viele andere auch stets als einen Gewinn. Und sie hatte deswegen auch kein schlechtes Gewissen, diese Gewinne zu verbrauchen. Dass sich dabei klammheimlich der Wert des Kapitalkontos durch die Inflation verringerte, für deren Ausgleich die Zinsen unter anderem eigentlich gedacht waren, schien sie nicht zu bemerken. Denn wenn das Kapitalkonto ohnehin über viele Jahre hinweg oder gar nicht angerührt wird, kann man auch nicht bemerken, dass man für dasselbe Geld über die Jahre immer weniger hätte kaufen können. Dass dieser Wertverlust oft sogar höher ausfiel als die gezahlten Zinsen, wurde ihr somit nicht bewusst.

 

Entkleideter negativer Realzins

Erst als selbst die langfristigen Renditen unter 0 Prozent gefallen waren, begannen viele Menschen zu erkennen, dass so etwas wie eine negative Realverzinsung (Nominalzinsen minus Inflationsrate) eingetreten sein musste. Die hat es natürlich zu früheren Zeiten auch schon gegeben, aber sie wurde angesichts satter Zinserträge nicht wahrgenommen. Denn auch eine fünfprozentige Rendite hätte eine sechsprozentige Geldentwertung durch Inflation nicht wettgemacht. Aber bei null Prozent Zinsen und gleichzeitiger, wenn auch niedriger Inflation, hat der negative Realzins keine Kleider mehr an.

Ohne Kenneth Rogoff zu nahe treten zu wollen, der sich von hohen Negativzinsen verspricht, dass die Sparer endlich ihre Konten räumen – und für das Geld durch die weitgehende Bargeldabschaffung ein natürlicher Fluchtweg versperrt würde –, denke ich an die mentalen Konten meiner Schwiegermutter. Jene hätte sie, so sie denn noch lebte, nach wie vor beibehalten. Da wären nun die jeweiligen Zinskonten, angesichts der Strafverzinsung, jeweils im Soll. Bestrafungen, die meine Schwiegermutter wie viele andere Sparer stets als einen Verlust wahrnehmen würde. Verluste, die viele von uns wettzumachen versuchen. Strenggenommen, müsste man genauso wie bei einer außergewöhnlichen Neuanschaffung jedes Mal an sein Kapital herangehen, um die Minuszinsen auszugleichen. Aber das hätte meine Schwiegermutter so weit wie möglich vermieden und sehr wahrscheinlich, wie andere verzweifelte Sparer auch, zu einer anderen Strategie gegriffen:

Sie hätte versucht, noch mehr zu sparen –

um, so sehe ich das jedenfalls, die Verluste der negativen mentalen Zinskonten wieder wettzumachen. Vielleicht hätte sie unter diesem Druck sogar zu mehr Risikofreude geneigt. Aber von Aktien verstand sie genauso wenig wie von mentalen Konten. Wie es sich ihr auch nie erschloss, dass es überhaupt so etwas wie negative Zinsen geben könnte. Es wäre ihr Bauchgefühl gewesen, was ihr gesagt hätte, dass die Zeiten nur schlechter werden könnten. Und mit schlechten Zeiten kannte sie sich als Angehörige der Kriegsgeneration aus. Ihre Lehre aus der Geschichte: Die nächste Krise kommt bestimmt. Und für diesen Fall muss man schon jetzt beginnen, Geld zurückzulegen. Also noch mehr sparen.

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Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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