Investmententscheidungen Märkte

Warum ich nie auf meine Tipps handele

von Joachim Goldberg am 16. September 2016

Nicht selten werde ich gefragt, ob ich denn auf Finanzmarkt-Empfehlungen, die ich anderen gebe, eigenes Geld setzen würde. Wenn ich dies dann rundweg verneine, reagieren viele Menschen darauf zumindest verdutzt, wenn nicht gar abfällig oder empört. Nach dem Motto: Wie will der mich überzeugen, wenn er selbst nicht seinen eigenen Tipps vertraut? Was ein richtiger Experte ist…

Es mag ja durchaus beruhigend sein, wenn man weiß, dass andere Menschen die gleichen Aktienengagements wie man selbst haben. Vor allem fühlt man sich besser, wenn man das Gefühl hat, der eigene Kundenberater der Hausbank oder besser noch der Experte in den Medien unterstreicht sein Reden auch noch mit Handeln.

 

„Am Gewinne mitnehmen ist noch niemand gestorben“

Kein Problem, solange die Vorhersagen richtig sind. Falls Sie dann (wenn überhaupt) Ihren Kundenberater anrufen, der das gleiche Engagement wie Sie hat, wird er Sie möglicherweise mit den Worten bestätigen, am Gewinne mitnehmen sei noch niemand gestorben. Im Zweifel wird er Sie aufgrund seines eigenen Commitments beim Gewinne mitnehmen sogar gerne begleiten.

Schwierig wird’s jedoch, wenn der heiße Tipp – auch das soll vorkommen – statt fetter Gewinne herbe Verluste zeitigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man zur Rückversicherung jetzt seinen Berater kontaktiert, ist im Gegensatz zur Gewinnsituation ungleich höher. Und weil der im selben Boot sitzt, verspürt er vermutlich genauso wenig wie Sie die Neigung, ausgerechnet jetzt zu Handeln – Verluste zu realisieren, kommt nicht in Frage. Im Gegenteil: Weil das Commitment, die Bindung an die ursprüngliche Entscheidung, mit dem Verlust sogar noch gestiegen ist, wird man aufkommende Dissonanzen lieber anders lösen: Man betet sich die Position gesund. Womöglich bestätigen sich Kunde und Berater gegenseitig mit den gleichen, selektiv wahrgenommenen Informationen.

 

Auch Profis beten sich gesund

Vom Gesundbeten der eigenen Position ist leider auch ein Profi nicht gefeit – der Einsatz mit eigenem Geld muss bezogen auf das eigene Vermögen nur hoch genug sein, und schon melden sich die typischen „Dissonanzverringerer“, die man schon los geworden zu sein glaubte, ganz schnell zurück. Das fatale ist nämlich, dass man den Prozess der selektiven Wahrnehmung als solchen an sich selbst oft nicht bemerkt. Auch ein Profi, der sich etwa gerade mit Aktien eingedeckt hat, wird nicht sagen, dass diese in Zukunft im Wert fallen werden. Ansonsten müsste er ja zugeben, eine nicht gerade optimale oder gar falsche Entscheidung getroffen zu haben. Und das wird selbst ein disziplinierter Händler, der mit einem Stopp-Loss arbeitet, frühestens dann zugeben, wenn letzterer gezogen worden ist.

Ich möchte, ehrlich gesagt, gar nicht erst in eine derartige Bredouille geraten, aus der es oft keinen Ausweg mehr gibt. Meine Position: Als Berater ohne eigenes materielles Commitment habe ich zumindest den großen Vorteil, Informationen nicht selektiv wahrnehmen und weitergeben zu müssen. Anders ausgedrückt: Ohne materielles Commitment kann ich es mir leisten, gegen den Strom zu schwimmen.

In der Tat bedeutet diese Zurückhaltung Verzicht auf manche „Perle“. Letztere gibt es aber auch in Märkten, in denen ich nicht regelmäßig andere Menschen berate. Zumindest möchte ich mir nicht nachsagen lassen, ich hätte womöglich nur einen Tipp gegeben, weil ich ein bestimmtes Papier ein paar Tage zuvor selbst ins Depot gelegt habe. Übrigens: In den vollen Genuss der so genannten Perle kommt man ohnehin nur, wenn man nicht über sie spricht.

 

P.S.: Einen ähnlichen Beitrag habe ich vor rund sechs Jahren schon einmal unter meinem früheren Blog „blognition.de“ publiziert. Er hat nichts an Aktualität verloren

SCHLAGWÖRTER

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4 Kommentare
  1. Antworten

    Martin B.

    23. September 2016

    Als Kunde hat es schon durchaus eine gewisse überzeugende Komponente wenn der Berater das Empfohlene selbst anwendet. Man kann sich dadurch zumindest sicher sein, dass er auch selbst davon überzeugt ist und es nicht nur seinen „Kunden“ andrehen will. Zumindest falls man es ihm glaubt oder der Berater es belegen kann. Oftmals dürfte „genau so mache ich es selber“ auch einfach nur plumpe Verkaufstaktik (klingt netter als Lüge) sein.

    Wenn ich mich nun aber an den „Anlageberater“ zurück erinnere der selbst groß in seiner Empfehlung investiert war, dann lässt mich das an der Zuverlässigkeit dieses Auswahlkriteriums auch stark zweifeln – die Empfehlung war nämlich Infinus.

  2. Antworten

    Flo

    6. Oktober 2016

    Nur um nochmal das Wording zu korrigieren:
    Der „Bankberater“ ist kein >Berater< sondern Verkäufer – das richtige Wording lautet also "Bankverkäufer".

    Zweitens:
    Es gibt genau genommen nur einen einzigen Ratschlag, den man beherzigen kann – dieser ist ganz einfach – und zwar: Mach es selbst!
    Es gibt ein zwei Bücher, die man gelesen haben sollte – klar – aber dann ist man zumindest in der Lage, die Entscheidungen selbst zu treffen (und auch selbst zu verstehen)
    Anfangen kann der geneigte Leser bspw. mit: "Genial einfach investieren", von Prof. Martin Weber (Lehrstuhl Bankbetriebslehre Uni Mannheim)

    Grüße

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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