Behavioral Ethics Gesellschaft

Ein Whistleblower lehnt ab

von Joachim Goldberg am 26. August 2016

Fotolia Mikro KopieEs mag auch schon in der Vergangenheit so genannte Whistleblower gegeben haben, die bereit waren, ihren Arbeitsplatz, ihre persönlichen Kontakte zu riskieren, allein, um aus Gewissensgründen auf Missstände und Gesetzesverstöße in ihrem Unternehmen hinzuweisen. Einer von ihnen hat kürzlich von sich reden gemacht. Gemeint ist der ehemalige Deutsche-Bank-Manager Eric Ben-Artzi. Er geriet in die Schlagzeilen, nicht nur, weil er als Kronzeuge Bilanzmanipulationen aufgedeckt, sondern vor allem, weil er anschließend – abhängig von der Strafzahlung der Bank – eine Belohnung in Höhe von 8,25 Millionen US-Dollar[1], die ihm die US-Wertpapieraufsicht SEC für diese Informationen zahlen wollte, abgelehnt hatte. Nach Angaben einer Zeitung begründete Ben-Artzi seine Weigerung, den ihm zustehenden Anteil an der Belohnung[2] zu akzeptieren, damit, dass die Strafzahlung der Deutschen Bank die Falschen treffe. So müssten nicht die verantwortlichen Manager, sondern stattdessen Aktionäre und Angestellte der Bank, von denen derzeit etliche ihren Arbeitsplatz verlören, ihren Kopf hinhalten.

Mit Hilfe dieser hohen Belohnungen versucht man vor allen Dingen diejenigen auf den Plan zu rufen, die aus Angst vor Verlust ihrer materiellen Existenz bislang nicht bereit waren, gesetzwidriges Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten anzuzeigen. Denn ein Whistleblower verliert meist nicht nur seinen Job. Vielmehr läuft man Gefahr, auch danach als Verräter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt zu werden, und so jemanden will auch kein anderes Unternehmen mehr einstellen. Besonders empfindlich reagiert die Finanzwelt auf derartige „Indiskretionen“. Das musste auch Eric Ben-Artzi erfahren. Mittlerweile ist er – immerhin – für ein israelisches Fintech Startup-Unternehmen tätig, wenn auch vermutlich zu einem Bruchteil seines früheren Gehalts. Auf jeden Fall hat sein selbstloses Verhalten für einiges Aufsehen gesorgt.

 

Andersdenkende Angestellte

So hob etwa Michael Skapinker in einem Kommentar für die „Financial Times“ hervor, wie sehr Whistleblowing dem Ruf eines Unternehmens schaden könne. Und wenn es erst einmal so weit gekommen sei, dass sich ein Mitarbeiter an die Öffentlichkeit statt an seinen Vorgesetzten wende, sei dies als Anzeichen für eine chronisch dysfunktionale Unternehmenskultur zu werten. Denn gesunde Unternehmen würden sich den Bedenken besorgter Angestellter weit früher, bevor die Probleme an die Außenwelt gelangten, annehmen. Tatsächlich seien Mitarbeiter, die mit den Praktiken ihres Arbeitgebers nicht übereinstimmten, wichtig für das Unternehmen. In diesem Zusammenhang verweist Skapinker auch auf eine wissenschaftliche Studie[3], die zu dem Ergebnis kommt, dass andersdenkende Angestellte zwar oft als nervig angesehen werden, sich aber gewissermaßen um das Unternehmen „kümmerten“. Solche Angestellten förderten und erhielten den guten Ruf ihres Arbeitgebers.

 

Soziale Normen entscheiden

Ob Angestellte widersprechen, hängt jedoch davon ab, wie weit sie von Kollegen und Vorgesetzten dazu ermutigt oder für ihre Kritik bestraft werden. Und an dieser Stelle kommen die vorherrschenden sozialen Normen zum Tragen, also die Frage, wie diese selbst ihr Verhalten moralisch bewerten. Sicherlich wird jemand seine Handlungen kaum als unethisch einstufen, wenn er stets nur macht, was alle anderen tun. Ganz zu schweigen davon, dass Menschen nicht immer in der Lage sind, sobald sie mit einem ethischen Dilemma konfrontiert werden, dieses tatsächlich auch zu erkennen.

Kurzschulungen in ethischem Verhalten, Ethik-Hotlines oder ein Verhaltenskodex für Mitarbeiter, der diesen vorgibt, wie man bestimmte Grundwerte in der Praxis umsetzt, reichen jedoch nicht aus. Vielmehr müssen Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen, ihre Bedenken mit Kollegen und Vorgesetzten ohne Furcht vor Repressalien besprechen zu können. Solange sich aber die sozialen Normen in den Unternehmen nicht ändern, vor allem weil Fehlverhalten der Verantwortlichen nicht sanktioniert wird, besteht für die Entscheider kein Anlass, umzudenken oder grundsätzlich etwas an ihrem Verhalten zu ändern.

Vorerst verursachen also geäußerte Bedenken eines besorgten Angestellten vor allem Dissonanz bei Kollegen und Vorgesetzten, die nicht einsehen, ihre bedenklichen moralischen Wertvorstellungen, die Grundlage der sozialen Normen sind, zu überdenken oder gar zu ändern. Und es ist jener Zustand der (kognitiven) Dissonanz, den Menschen nicht lange ertragen und dessen Ursache sie deshalb möglichst schnell beseitigen möchten.

Daran dürfte auch der Verzicht von Eric Ben-Artzi nicht viel ändern, mag er noch so vorbildlich sein.

 

 

[1] Dieser Betrag errechnet sich aus den 55 Millionen US-Dollar Strafe, die die Deutsche Bank im vergangenen Jahr zahlen musste, wovon drei Whistleblowern – einer von ihnen war Ben-Artzi – 16,5 Millionen Dollar (30 Prozent der verhängten Geldbuße) als Belohnung zustanden

 

[2] Vgl. Internetausgabe der Financial Times vom 19. August 2016

[3] International Journal of Business Communication: https://www.researchgate.net/publication/295877235_Learning_to_Contradict_and_Standing_Up_for_the_Company_An_Exploration_of_the_Relationship_Between_Organizational_Dissent_Organizational_Assimilation_and_Organizational_Reputation

 

 

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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