Behavioral Living Marketing

Mit (S)pass durch London

von Joachim Goldberg am 15. August 2016

Big BenHabe unlängst mit meinen Kindern Urlaub in der Nähe von London gemacht. In der Regel sind Städtereisen meist ja nicht so besonders erholsam, doch wir verbrachten zehn angenehme Tage in einem netten Reihenhaus am Rande des beschaulichen Stadtteils Greenwich. So ein Besuch in einer Weltstadt will natürlich gut vorbereitet sein, angefangen mit der Oyster Card für den öffentlichen Nahverkehr, die jedem London-Besucher unbedingt zu empfehlen ist. Und da ich mich noch an die langen Warteschlangen vor den großen Museen und Sehenswürdigkeiten während meines jüngsten Aufenthalts in Paris erinnern konnte, war es nur natürlich, dass ich mir vor unserer Abreise nach Großbritannien Eintrittskarten zu den wichtigsten Londoner Attraktionen sichern wollte.

Man braucht im Internet tatsächlich nicht lange zu suchen, da sticht einem die Homepage des „London Pass“ ins Auge. Und ganz schnell wird deutlich, dass nicht nur viele Sehenswürdigkeiten mit diesem Pass kostenlos besichtigt werden können, für die man selbst mit einer kleinen Familie im teuren London normalerweise Hunderte britischer Pfund innerhalb weniger Tage berappen müsste. Warteschlangen vor den Museen? Nicht mit dem London Pass, so die Werbung. Und je länger die Laufzeit des Passes, desto billiger sei der ganze London-Urlaub pro Tag.

 

Homo oeconomicus in Urlaub?

Da ich als Freund der Verhaltensökonomik zur Erhöhung des eigenen Wohlbefindens immer peinlich genau darauf achte, Kosten zu bündeln, entschied ich mich für die 10-Tages-Variante des London Pass, bei der sich der Preis von anfänglich 59 für einen einzigen Tag am Ende auf etwas mehr als 15 Pfund pro Tag ermäßigte. Pro Person versteht sich. Als ich dann auch noch auf die Gesamtbestellung einen anständigen, natürlich nur kurzfristig erhältlichen Rabatt erhielt, war auch der mentalen Kontoführung genüge getan. Denn die Anbieter solcher Produkte wissen natürlich ganz genau, dass ein Rabatt bei solch deftigen Summen zumindest am Ende das angenehme Gefühl hinterlässt, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Was noch viel besser war: Wenn wir es extrem geschickt anstellten und tatsächlich alle Attraktionen des London Pass ausnutzen würden, hätte jeder homo oeconomicus über 18 Jahre fast 900 Pfund in 10 Tagen sparen können, aber vermutlich nicht wirklich Spaß gehabt.

Denn die Realität war eine andere. Schnell begriffen wir, dass man in Windeseile durch London hetzen muss, wenn man tatsächlich in den Genuss aller angebotenen Preisvorteile kommen möchte. Und meine älteste Tochter rechnete beflissen aus, wie viele Minuten wir wo höchstens verbringen dürften, um das meiste aus dem Pass heraus zu holen. Aber es dauerte nicht einmal einen halben Tag, bis wir alle in eine Art Generalstreik verfielen und nicht mal mehr noch ganz schnell vor Toresschluss Traitors‘ Gate im Tower passieren wollten. Der botanische Garten? Hätte jeden von uns ein paar Pfund erspart, aber keiner wollte deswegen eine längere U-Bahnfahrt antreten. Die Doppeldecker-Bustour hätte ich normalerweise auch nicht gemacht, und fast wurde ich ein wenig misslaunig, als der Bus minutenlang im Londoner Verkehr mitten in einer Straßenschlucht steckenblieb.

 

Keine Warteschlangen

Und die große Zeitersparnis langer Schlangen vor den Museen? Ich durfte erfahren, dass es keiner sogenannten Fast Lane bedurfte, um schneller als andere in die Modern Tate zu gelangen – der Eintritt war nämlich wie bei vielen anderen Museen frei. Und der vom London Pass in Aussicht gestellte Audioguide war leider auch nicht verfügbar, weil das Lesegerät für unsere London-Pässe gerade kaputtgegangen war. Längst hatten wir die monetären Vorteile vergessen, zumal uns die Jagd auf weitere Schnäppchen in Rekordzeit jeglichen Erholungsspaß verdarb. Nein, wir waren ganz bestimmt auch nicht (wie viele andere) auf der Jagd nach Pokémon durch London.

Ganz davon zu schweigen, dass der London Pass ausgerechnet für die ganz großen, vor allem bei Kindern beliebten Attraktionen wie London Eye (abgesehen von einem Mini-Rabatt), Madame Tussaud‘s oder das Gruselkabinett The London Dungeon nicht galt. Mit anderen Worten: Nach ein paar Tagen geriet das Joch des London Passes glücklicherweise ein wenig in Vergessenheit. Wenn da nicht meine älteste Tochter gewesen wäre, die am Tag Nummer 9 lakonisch feststellte: Break-even erreicht!

Endlich waren die Kosten des Passes mittels gesparter Eintrittsgelder ausgeglichen. Auf die Jagd nach mehr hatten wir bewusst verzichtet. Denn wir wollten einfach nur das was einen Urlaub ausmacht: Spaß, Entspannung, Erholung, in den Tag hineinleben und einfach tun und lassen können, wie es einem gerade gefällt.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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