von Joachim Goldberg am 30. Juni 2016

Big BenDass das Brexit-Referendum eine hoch emotionale Angelegenheit werden würde, hatte ich erwartet (vgl. HIER und HIER). Und viele, die sich für einen Austritt Großbritanniens aus der EU aussprachen, haben sich höchstwahrscheinlich von leicht verfügbaren Parolen und Bildern beeinflussen lassen. So mag die Verfügbarkeitsheuristik dafür gesorgt haben, dass eindrucksvolle Bilder von Zuwanderern oder ein roter Bus mit dem Milliardenbetrag der angeblichen wöchentlichen Überweisungen Großbritanniens an die EU stärker gewogen haben als komplizierte Berechnungen möglicher Konsequenzen eines Brexit.

Aber nicht allein die leichte Verfügbarkeit plakativer Informationen dürfte das Verhalten der britischen Wähler am 23. Juni beeinflusst haben. Nicht umsonst verweist der frühere Berater der Obama-Administration und Harvard-Professor für Rechtswissenschaft, Cass R. Sunstein[1], darauf, dass das Abstimmungsergebnis zugunsten eines Brexit auch auf empörte Bürger zurückzuführen war, die auf diesem Wege ihrer Wut Luft machen wollten: Einmal in der Position des Richters sein und so scheinbar Ungerechtigkeiten bestrafen zu dürfen. Poltische und ökonomische Konsequenzen – seien sie gut oder schlecht – spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

 

Nur damit andere bestraft werden

Ja, viele Menschen sind sogar bereit, Geld dafür auszugeben, dass andere bestraft werden. Eine entsprechende Labor-Studie hat bereits vor vielen Jahren Aufsehen erregt, weil zwei Drittel der Teilnehmer willens waren, Geld zu investieren, damit andere Menschen Geld verlieren[2]. In zahllosen Ultimatum-Spielen (vgl. HIER), bei denen ein Entscheider zwischen sich und einer anderen Person einen Geldbetrag nach seinem Belieben aufteilen darf und der Geldbetrag nur ausgezahlt wird, wenn der Mitspieler der Verteilung zustimmt, zeigt sich immer wieder ein ganz starker Wunsch nach Fairness. Warum soll ich von 10.000 Euro, die ein anderer verteilt, nicht wenigstens die Hälfte bekommen? Es gibt nicht wenige, die bereit wären, lieber auf 2000 Euro bei solch einem Spiel zu verzichten, damit der andere nicht 8000 Euro bekommt. Mit anderen Worten: Man ist bereit, auf ökonomische Gewinnmaximierung zu verzichten, wenn man andere im Gegenzug für ihre Unfairness bestrafen kann.

Die Brexit-Befürworter haben nicht in erster Linie die EU-Bürokraten abgewählt, sondern ein politisches Establishment, von dem sie sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrheitlich alleingelassen und ökonomisch zunehmend ungerecht behandelt fühlten. Eine Lehre, aus der die anderen EU-Mitglieder lernen müssen, wenn weitere Volksabstimmungen Schule machen sollten und vernünftige Entscheidungen durch Wut und Empörung ihrer Bürger überlagert werden. Und genau dabei kann eine Ausweitung der Erkenntnisse der Verhaltensökonomik auf Bereiche der Politik (Behavioral Public Choice) wertvolle Dienste leisten.

 

 

[1] Vgl. Cass R. Sunstein (28. Juni 2016): When Outrage Clouds Political Judgment, in U.K. and Beyond, gelesen bei Bloomberg.com

[2]  Daniel John Zizzo and Andrew J. Oswald (2001): Are People Willing to Pay to Reduce Others‘ Incomes?, Warwick University

SCHLAGWÖRTER
5 Kommentare
  1. Antworten

    Klaus Singer

    30. Juni 2016

    Guten Tag Herr Goldberg, Sie schreiben, „die Brexit-Befürworter haben nicht in erster Linie die EU-Bürokraten abgewählt, sondern ein politisches Establishment, …“ Sind die „EU-Bürokraten“ nicht Untermenge von „politisches Establishment“? Ist es nur ein Gefühl, dass sich die Brexit-Befürworter in den vergangenen Jahrzehnten mehrheitlich alleingelassen und ökonomisch zunehmend ungerecht behandelt fühlten? Oder hat dieses Gefühl eine reale Basis? Geht es in erster Linie um Befindlichkeiten oder um reale (politische und ökonomische) Vorgänge, an denen (mitunter verquere) Gefühle anknüpfen? Im ersten Fall braucht man Psychologen, im zweiten müsste man etwas an den Verhältnissen ändern. Wie könnten die „wertvollen Dienste“ aussehen, die die Verhaltensökonomik bei weiteren Referenden leisten kann?

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      30. Juni 2016

      Lieber Herr Singer, haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre Antwort. Bei der Brexit-Wahl sind für mich die EU-Bürokraten und das britische politische Establishment zweierlei. Sicherlich dürfte sich bei einem vergleichbaren Referendum hierzulande – falls es so etwas überhaupt jemals geben sollte – bei der Abstimmung eine stärkere Aversion gegen die Euro-Bürokratie niederschlagen als etwa in Großbritannien. In UK dürfte das politische Establishment bei der Abstimmung viel stärker im Vordergrund gestanden sein.

      Natürlich ist Ungleichheit nicht nur ein ökonomisch realer und messbarer Vorgang. Dabei war das Brexit-Referendum von den befürwortenden Politikern für mein Empfinden so geführt, dass durch den starken Gebrauch von Parolen und teilweise nicht zutreffender Fakten vor allen Dingen die Emotionen der Bürger angesprochen und gezielt verstärkt wurden. Nun hat sich herausgestellt, dass hinter diesen Parolen nicht allzu viel zu stecken scheint und sich einige Protagonisten des Brexit damit schwertun, die Worthülsen mit konstruktiven Vorschlägen zu unterfüttern oder gar politische Verantwortung zu übernehmen.

      Mich hat die sogenannte „Behavioral Public Choice“, eine recht junge Wissenschaftsdisziplin, die sich mit dem irrationalen Verhalten politischer Akteure und Wähler beschäftigt und dessen Folgen für Politik und Gesellschaft untersucht, geradezu begeistert. Einige Experten dieser Forschungsrichtung waren davon überzeugt, dass sich die Wähler gerade in einem emotional aufgeladenen Umfeld wie dem Brexit-Referendum für die Option entscheiden würden, mit der sie sich im Augenblick wohl fühlen, während der langfristige Nutzen oder Kosten ihrer Wahl in den Hintergrund getreten sind.

      Was man gegen solche Bauchentscheide machen kann, finden Sie auf die Schnelle etwa in meiner Quelle von Cass Sunstein:
      http://www.bloomberg.com/view/articles/2016-06-28/when-outrage-clouds-political-judgment-in-u-k-and-beyond

      Wenn sich die Politiker beider Lager etwas mehr um diese Ratschläge geschert hätten, stünden sie jetzt vermutlich nicht änden da. Ich selbst werde mich zu den „wertvollen Diensten“ der Verhaltensökonomik für die Politik zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher äußern.

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