von Joachim Goldberg am 22. Juni 2016

Big BenBetrachtet man die Entwicklung der hiesigen Aktienmärkte seit Wochenbeginn, könnte man fast den Eindruck gewinnen, es handele sich um eine vorgezogene Party. Dabei soll es, dem Volksmund nach, Unglück bringen, wenn man jemandem zu früh zu seinem Geburtstag gratuliert oder die Champagnerkorken vorzeitig knallen lässt. Zugegeben: Die Anspannung vor dem Referendum in Großbritannien über dessen möglichen Austritt aus der EU am morgigen Donnerstag scheint sich etwas gelegt zu haben. Derzeit haben die Gegner eines solchen Brexit die Oberhand gewonnen – im ungünstigsten Fall liegen sie, so die jüngste Berechnung der übergeordneten Umfrage der Financial Times („Poll of Polls“), nur marginal hinter den Befürwortern.

Es gibt nicht wenige, die diesen Stimmungswechsel mit der Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox in der vergangenen Woche in Verbindung bringen. Und es würde auch mich nicht wundern, wenn dieses schreckliche Ereignis zumindest auf bislang unentschiedene Wähler einen Einfluss in größerem Ausmaß gehabt hätte. So hatte ich bereits in einem anderen Beitrag (HIER) darauf hingewiesen, dass die meisten Entscheider mit dem Referendum zumindest insofern überfordert sind, als wohl kaum jemand von ihnen in der Lage sein dürfte, sämtliche etwaige Folgen seines Votums aus allen Blickwinkeln und auch mit allen Konsequenzen zu überblicken. Um diesen schwierigen Entscheidungsweg abzukürzen, bedienen sich die meisten Menschen so genannter Heuristiken. Faustregeln, die im richtigen Kontext durchaus hilfreich sein können, weil sie die Komplexität schwer überschaubarer Sachverhalte verringern und so zu schnellen Ergebnissen führen können. Häufig kommt es aber auch zu ungenauen und verzerrten Einschätzungen, besonders bei ökonomischen und politischen Sachverhalten.

 

Verfügbarkeitskaskaden entstehen

Eine dieser Heuristiken ist der sogenannte Verfügbarkeitsirrtum, wonach Menschen sich durch besonders knallige, drastische oder eben verabscheuenswürdige Ereignisse, also durch leicht verfügbare Informationen, stark beeinflussen lassen. Werden solche Ereignisse auch noch in der Öffentlichkeit diskutiert und erregen sie starkes Aufsehen, können sogar regelrechte Verfügbarkeitskaskaden entstehen[1]. Am Anfang steht eine einzelne Wahrnehmung, die sich allein durch ihre häufige Erwähnung in den Medien in einer Art Kettenreaktion und sich selbst verstärkendem Prozess schließlich zu einer kollektiven Überzeugung verwandelt – entweder mit breiter sozialer Akzeptanz oder Ablehnung. Doch ist es nicht nur die leicht verfügbare Information, sondern oft auch der (meist unbewusste) Wunsch vieler Menschen, durch  Anpassung ihrer Meinung an die kollektive Überzeugung sozial akzeptiert zu sein, wodurch die Verfügbarkeitskaskaden verstärkt werden. Ein Phänomen, das für die Gesellschaft positive, aber auch negative Folgen haben kann. Daher ist es naheliegend, dass auf Verfügbarkeitskaskaden spezialisierte Aktivisten durch geschicktes Lostreten solcher Kaskaden den politischen Diskurs manipulieren können.

 

Behavioral Public Choice

Und so ist es kein Wunder, wenn sich unter dem Namen „Behavioral Public Choice“[2] eine recht junge Wissenschaftsdisziplin mit dem irrationalen Verhalten politischer Akteure und Wähler beschäftigt und dessen Folgen für Politik und Gesellschaft untersucht. Die Experten dieser Forschungsrichtung sind davon überzeugt, dass sich die Wähler gerade in einem emotional aufgeladenen Umfeld wie dem Brexit-Referendum für die Option entscheiden werden, mit der sie sich im Augenblick wohl fühlen, während Nutzen oder Kosten ihrer Wahl in den Hintergrund treten.

 

Frage ist, womit sich die Briten mehrheitlich – auch angesichts des Attentats der vergangenen Woche – vor allem moralisch wohl fühlen werden.

 

 

 

 

[1] Timur Kuran and Cass R. Sunstein (1999): Availability Cascades and Risk Regulation Stanford Law Review, Vol. 51, No. 4 (Apr., 1999), pp. 683-768

[2] Vgl. etwa: Gary J. Lucas & Slaviša Tasić (2015): Behavioral Public Choice and the Law, West Virginia Law Review 199 (2015) a

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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