Märkte

Zu viel Vertrauen in die (eigene) Rationalität

von Joachim Goldberg am 15. Juni 2016

Senti_15062016 Die heutige Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) dürfte für viele Akteure an den Finanzmärkten ein Non-event darstellen. Denn es gibt derzeit nur ein einziges, alles beherrschende Thema: das Brexit-Referendum am 23. Juni. Dabei zeigen jüngste Umfragen in Großbritannien, dass sich die Mehrheitsverhältnisse unter den Wählern ganz eindeutig in Richtung eines Austritts Großbritanniens aus der EU bewegen. Die übergreifende Umfrage der Financial Times (Poll of Pols) zeigt dabei eine leichte Führung der Brexit-Anhänger (47 Prozent gegenüber 44 Prozent REMAIN) an.

Dennoch scheinen viele britische Unternehmen keinen Notfallplan in der Schublade für die Zeit nach einem etwaigen Brexit zu haben. Dies mag wohl auch daran liegen, dass die Folgen eines Brexit völlig unklar sind. Dennoch lese ich immer wieder von Analysten, die ihre makroökonomischen Modelle mit Daten füttern und dann auf den Prozentpunkt genau vorhersagen können, wie heftig das Englische Pfund oder der Aktienmarkt im Falle eines Falles einstürzen werden. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass die Fundamentaldaten bereits seit Jahren durch die massiven Interventionen der großen Notenbanken in Form von geldpolitischen Lockerungs­programmen und ultraniedrigen Zinsen verwässert werden. Vor allen Dingen gehen diese Modelle davon aus, dass sich die Menschen an den Finanzmärkten rational verhalten. Eine Annahme, die angesichts der hohen Komplexität der möglichen Folgen und Rückkopplungen aus anderen Wirtschaftsräumen nach einem Brexit absurd erscheint.

 

Zu optimistisch

Es ist keine 14 Tage her, da wurde mir vorgeworfen, ich sei viel zu pessimistisch. Denn in Anbetracht der Tatsache, dass die Wohneigentumsquote in Großbritannien bei etwa 70 Prozent läge, könnten sie sich wegen drohender Wertverluste ein Brexit-Votum kaum leisten. Wertverluste, die übrigens nur dann interessant sind, wenn man gerade sein Immobilieneigentum verkaufen möchte.

Auch war die Ansicht vieler Investoren recht deutlich, dass sich die Wählerinnen und Wähler im letzten Augenblick doch noch für einen Verbleib ihres Landes in der EU aussprechen würden. In einer eigenen, nicht repräsentativen Befragung konnte ich am vergangenen Donnerstag noch feststellen, dass aus einer größeren Gruppe institutioneller Anleger 75 Prozent der Befragten keine Angst vor einem Brexit hatten.

Bei den Börsianern macht sich unterdessen auch keine  Angst breit, dass sich die jüngsten Umfragen bewahrheiten und es am Ende zu einem großen Tohuwabohu nach dem 23. Juni kommen könnte. Meine Stimmungs-Analyse dazu, die ich wie immer für die Börse Frankfurt erstellt habe, finden Sie übrigens HIER.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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