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Nicht auf der faulen Haut

von Joachim Goldberg am 8. Juni 2016

Nun haben also die Schweizaltes wohnhaus detailer am vergangenen Wochenende in einem Referendum über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt. Aber nur 22 Prozent der Wählerinnen und Wähler votierten  für diesen Vorschlag, dessen Umsetzung bedeutet hätte, dass künftig jede dauerhaft in der Schweiz ansässige volljährige Person bis zu 2.500 Franken im Monat bekommen würde. Dabei hat es mich gewundert, wie wenig Interesse hierzulande diese doch brisante Abstimmung  hervorgerufen hat. Zumal im Vorfeld des Referendums teilweise heftig diskutiert wurde. Zu teuer sei das Ganze, hieß es oft, und das bedingungslose Grundeinkommen setze falsche Anreize, war zu hören.

Anfang des Jahres gab es vom schweizerischen Meinungsforschungsinstitut DemoSCOPE eine erste repräsentative Umfrage, die zu dem Ergebnis kam, dass nach Einführung des bedingungslosen Einkommens nur 2 Prozent der Befragten zu arbeiten aufgehört hätten. Mehr als die Hälfte der Befragten gab stattdessen an, das Einkommen dafür zu nutzen, mehr Zeit für Familie und Weiterbildung aufzubringen. Fast hörten sich die Antworten an, als habe man die Frage: „Wie würde ein Lottogewinn Ihr Leben verändern?“ gestellt. Doch offensichtlich wollten die Schweizer keinen Lottogewinn.

Dennoch bezweifle ich, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten einfach blind der Empfehlung der Regierung gefolgt ist, die sich bereits vor der Abstimmung deutlich gegen das bedingungslose Grundeinkommen gestellt hatte. Oder hatten die Bürgerinnen und Bürger gar Angst, das Grundeinkommen könne die öffentliche Moral untergraben und, wie es in der Internetausgabe des Economist vom 5. Juni hieß, die braven Schweizer in eine „Gesellschaft von unmotivierten sozialen Trittbrettfahrern“ verwandeln? Immerhin zeigte sich an der Umfrage von DemoSCOPE , dass rund ein Drittel der Befragten dachte, die Anderen würden mit Einführung eines Grundeinkommens die Arbeit niederlegen. Nach dem Motto: Ich selbst würde natürlich genauso fleißig weiterarbeiten wie zuvor, aber meinem Nachbar traue ich diese Haltung nicht zu.

 

Grundübel sozialer Vergleich

Und damit wären wir bei einem menschlichen Grundübel angelangt: dem sozialen Vergleich. Ein Gewinn von einer Million Euro wäre zwar ganz nett, aber wenn die Nachbarn auch jeweils eine Million Euro gewinnen würden, dann fänden das viele Menschen nicht so lustig. Ähnlich mag es sich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen verhalten.

Denn viele Menschen haben den Drang, ihre Stufe auf der sozialen Leiter ständig mit der anderer Leute abzugleichen, um den eigenen Rang gegenüber Dritten zu manifestieren. Dies geschieht normalerweise über Positionsgüter, über die ich HIER und HIER vor längerer Zeit ausführlich geschrieben habe. Und der Wert dieser Positionsgüter bemisst sich eben an der Exklusivität, mit der man ihren Besitz für sich reklamieren kann. Was für alle und für jeden erschwinglich ist, taugt nun einmal nicht zum Positionsgut.

Obwohl Positionsgüter eine Gesellschaft nicht glücklich machen, weil der Blick nach oben unzufriedener macht als die Genugtuung, von der eigenen Höhe auf andere, niedriger Gestellte herabzusehen. Und weil es meist nur einen Gewinner geben kann, dafür aber umso mehr Verlierer, denn eine Villa muss die größte in der Straße sein und nur einer darf auf dem Chefsessel Platz nehmen. Am Ende eines Wettrennens kommt Einer als Erster ins Ziel, und die Anderen laufen frustriert hinter ihm her.

Das bedingungslose Grundeinkommen wäre möglicherweise sozial gerecht gewesen und hätte gerade in den unteren Einkommensschichten für eine gewisse monetäre Sicherheit gesorgt. Aber möglicherweise haben bei der Abstimmung am vergangenen Sonntag viele Menschen die Abhängigkeit von einem bedingungslosen Grundeinkommen als Makel empfunden. Als Stillstand und Hemmnis für die eigene  Weiterentwicklung. Denn die Hoffnung und der Wille, es in Zukunft auf jeden Fall besser als heute und besser als andere haben zu wollen, ist eine wichtige Triebfeder für das wirtschaftliche Wachstum einer Gesellschaft. Um den Preis einer steigenden Ungleichheit.

SCHLAGWÖRTER

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4 Kommentare
  1. Antworten

    Sandra

    8. Juni 2016

    Die Wurzel allen Übels ist immer das Problem, welches einer Lösung bedarf. Mit Problemlösungen die weiterhin darauf aufbauen, kommt man eben keinen Schritt weiter. Warum sollten also sogenannte Scheinlösungen, die so heißen weil sie sowieso nicht funktionieren und reine Makulatur sind, noch irgendwen interessieren? Wenn schon vorher klar ist, das das, was man sich davon verspricht, nicht realisiert werden kann, kann man es doch auch gleich in die Tonne hauen. Die Zeiten, in denen man alle dahingehend beeinflussen kann, falschen versprechungen zum Opfer zu fallen, sind auch irgendwann einfach vorbei. Warum? Weil man es übertrieben hat und es selbst der dümmste Bauer gelernt hat.

  2. Antworten

    RT

    10. Juni 2016

    Ich würde der Argumentation folgen — aber aus eben diesen Gründen dazu kommen, dass das Grundeinkommen funktioniert. Es handelt sich ja nicht um eine Million sondern um einen geringeren Betrag, so dass nach oben noch genügend Raum ist für die Positionsgüter, d.h. es wird Menschen geben, die ne Menge mehr Geld machen und andere die auch danach streben es zu erreichen. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass die Menschen keine Ausrede mehr hätten. Es könnte diesen Motivator sogar noch verstärken. Ein anderer Aspekt könnte sein, dass der Benefit für die Gesamtgesellschaft sogar höher wird. Zwei kleine Beispiele sind die Biographien aus dem Beginn der Industralisierung, wenn man Figuren wie Darwin, Humbold sieht, die gerade wegen ihrer finanziellen Unabhängigkeit die Möglichkeiten hatten Ideen zu entwickeln etc. (Ist natürlich weder Garantie noch Voraussetzung ). Das andere Beispiel ist das Ende der Sklaverei in Amerika und der damit verbundenen Innovationsdruck (keine billigen Arbeitskräfte), der ein Katalysator für moderne Agraproduktion. Bin in jedem Fall gespannt auf die Feldversuche im Bezug auf das Grundeinkommen, da wird man sicher nochmal deutliche Daten sammeln können, ob es eine wirklich gute Idee ist…

  3. Antworten

    Felix

    10. Juni 2016

    Ich würde gern einen ernsthaften Versuch sehen, das Prinzip des BGE auszutesten. Ich denke aber, dass die meisten Menschen eine persönliche Verschlechterung befürchten, sowie den möglicherweise schweren Schritt zurück, falls das Prinzip nicht funktionieren sollte.
    Daher glaube ich, dass es einer grundlegend schlechten gesamtwirtschaftlichen Situation bedarf, bevor der Großteil der Bevölkerung per Referendum einem solchen „Experiment“ zustimmen würde.
    Interessant und ein möglicher Kandidat wäre aus meiner Sicht Griechenland. Nur leider hängen zu viele Gläubiger daran, die einem solchen Schritt nicht zustimmen würden.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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