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Ausgeblendete Brexit-Realität

am
31. Mai 2016

In Sachen Brexit scheint es einen neuen Trend zu geben. So berichtete etwa der britische Telegraph heute in aller Frühe auf seiner Internetseite über seine neueste Umfrage in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut ORB. Dabei ist die Zahl derjenigen, die einen Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) befürworten, wieder deutlich gestiegen. Anders ausgedrückt: Der Vorsprung derjenigen, die für einen Verbleib sind, liegt danach nur noch bei 51 Prozent gegenüber einem Anteil von 46 Prozent Brexit-Befürwortern[1]. Dies ist insofern bemerkenswert, als der Vorsprung des Remain-Camps am 22. Mai noch 13 Prozentpunkte betrug, was vor allem bei vielen Aktieninvestoren für Erleichterung sorgte. Aber auch andere Umfragen haben zuletzt die Brexit-Befürworter gleichauf mit den Gegnern oder zumindest näher an sie herangerückt gezeigt.

Vielleicht spielt das Thema Brexit für viele Anleger auch deshalb eine untergeordnete Rolle, weil die meisten sowieso davon ausgehen, dass die Briten am Ende doch in der EU bleiben werden. Da man sich gerade am Aktienmarkt und im Angesicht einer mehrheitlich bullishen Positionierung nicht mehr um einen Brexit scheren möchte, werden die Informationen darüber – vor allen Dingen, wenn die Brexit-Befürworter aufholen – offenbar gerne ausgeblendet.

 

Kein Status-quo-Bias

Aber auch Erkenntnisse der Verhaltensökonomik zum Brexit deuten, zumindest auf den ersten Blick, auf einen Verbleib Großbritanniens in der EU hin. Denn der so genannte Status-quo-Bias, gemeint ist die Neigung vieler Menschen, möglichst alles beim Alten zu belassen, müsste eigentlich für einen Sieg des Remain-Lagers sorgen. Aber eben nur auf den ersten Blick. Denn wie mein Freund und Kollege Herman Brodie unlängst in seinem Blog vom 19.05. (HIER) scharfsinnig festgestellt hat, gibt es für die Briten eigentlich gar keinen Status-quo-Referenzpunkt mehr, an dem sie sich orientieren könnten.

So vergleicht er das Verhältnis Großbritanniens zur EU mit einer in die Jahre gekommenen Beziehung, an der die Partner möglicherweise nur aus Gewohnheit und wegen hoher materieller und psychischer Commitments festhalten. Doch ändert sich diese trügerische Ruhe in dem Moment, wenn einer von beiden die Möglichkeit einer Trennung ins Spiel bringt. Plötzlich steht das, was unausgesprochen doch als Selbstverständlichkeit galt, auf dem Spiel, scheint alles, was die beiden bisher verband und ihre gemeinsame Geschichte ausgemacht hatte, in Frage gestellt. Und nach diesem Moment gibt es kein Zurück mehr; die Zeit der Unschuld ist für immer vorbei.

 

Nichts bleibt mehr so, wie es einmal war

Denn ist die Möglichkeit einer Scheidung erst einmal ausgesprochen, konzentrieren sich die Partner spätestens von da an auf das Für und Wider einer Trennung, also auf einen neuen Referenzpunkt. Mehr noch: Selbst wenn dieses Thema zunächst noch einmal vom Tisch sein sollte – es kann jederzeit neu diskutiert und doch noch zur Realität werden.

Aber es gibt ja noch Trost für diejenigen, die Angst vor einem Brexit haben. Denn wie ich bereits an anderer Stelle (HIER) ausführte, wäre ein Votum für den Austritt Großbritanniens beim Referendum am 23. Juni rechtlich nicht bindend. Theoretisch könnte sich sowohl das Unterhaus als auch das Oberhaus, das House of Lords, weigern, einen Entscheid der Wähler für den Brexit umzusetzen. Vielleicht hängt es am Ende sogar an der Königin, ob der Wille des Volkes umgesetzt wird. Immerhin: Zuletzt hat sich 1707 ein britischer Monarch geweigert, ein Gesetz zu unterzeichnen.

Für mich jedenfalls ist das Brexit-Thema – auch wenn es bereits jetzt vielen zum Halse heraushängen sollte – noch längst nicht „durch“. Es bleibt spannend, finde ich.

 

[1] Gezählt wurden nur die Votings derer, die am 23 Juni auch tatsächlich beabsichtigen, an der Brexit-Abstimmung teilzunehmen

 

 

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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