Behavioral Living Wirtschaft

Die magische Nulllinie

von Joachim Goldberg am 25. Februar 2016

Es ist das Unterschreiten der Nulllinie, der Übergang von positiven zu negativen Zahlen, der den Menschen große Schwierigkeiten zu bereiten scheint. Diese Beunruhigung dürfte sich noch verstärken, da die Europäische Zentralbank wahrscheinlich mit dem ohnehin schon negativen Zins für Bankeinlagen noch weiter nach unten gehen wird. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird man seitens der Kreditinstitute eines Tages nicht umhin kommen, diesen negativen Zins – Zins ist eigentlich die falsche Bezeichnung – an die Sparer weiterzugeben. Spätestens an dem Tag, an dem deswegen auf dem Kontoauszug die erste Belastung Schwarz auf Weiß ausgewiesen ist, dürften viele Anleger das Gefühl haben, in einer verkehrten Welt angekommen zu sein. Hatte man sich zuvor immerhin schon damit abgefunden, dass Spareinlagen und Tagesgeld gering oder gar nicht verzinst wurden, schien dieser Tag X immer noch in einer fernen, kaum vorstellbaren Zukunft zu liegen. Obwohl offensichtlich ist, dass Sparer schon längst über negative Realzinsen bestraft werden, blendet man gerne solch schwierige Berechnungen aus.

Dass die negativen Zinsen nominal trotzdem so langsam bei uns ankommen, wird etwa daran deutlich, dass etwa die Krankenkassen deswegen 1,8 Millionen Euro im Jahr 2015 verloren haben sollen. Das ist Geld, das letztlich von den Sozialversicherungsbeiträgen der Beitragspflichtigen einbehalten wird. Und zwar nicht nur bei der Kranken-, sondern natürlich auch bei der Renten- und Arbeitslosenversicherung. Gemessen am Beitragsaufkommen mag es sich zwar um relativ kleine Beträge handeln, die die meisten von uns eigentlich nicht wahrgenommen hätten, gäbe es da die Medien nicht. Aber bei nominellen Zinsverlusten hört für viele Menschen der Spaß auf.

 

 

Scheckheftgepflegtes Auto für einen Verstorbenen

Die Macht der Nulllinie erfuhr unlängst auch mein Bekannter B. Der hatte nämlich im Jahre 2010 von seinem Vater neben einem Haus auch ein altes Auto und ein Girokonto mit ein paar tausend Euro geerbt. Während die Immobilie längst veräußert wurde, brachte B. es nicht übers Herz, sich von dem Oldtimer, für den ihm niemand mehr als 2.000 Euro anbot, zu trennen. Pietät, liebende und ehrende Erinnerung an den Vater, mögen der eine Grund gewesen sein, aber der Umstand, dass B. nicht den hohen Preis, den er erhofft hatte, erzielen konnte, wog mindestens so schwer.

Und weil sich kein zahlungswilliger Käufer finden wollte, zahlte B. vom geerbten Girokonto brav jedes Jahr Kfz-Steuer und -Versicherung und brachte das betagte Gefährt sogar regelmäßig zum TÜV. Auch kam es für ihn nicht infrage, den Wagen an „irgendjemanden“ zu verkaufen, der vielleicht die Verblendung aus Walnussholz an Schalthebel und Armaturenbrett nicht zu schätzen gewusst und das Gefährt insgesamt nicht in Ehren gehalten hätte. Und so schmolz das Guthaben auf dem Konto langsam zusammen.

Schließlich war es ein kleiner Sollsaldo auf dem Girokonto von gerade einmal 20 Euro, der die Alarmglocken bei B. schrillen ließ. Vergessen war der Vorsatz, das mittlerweile über 20 Jahre alte Automobil des Vaters nur in beste Hände abzugeben. Vergessen waren auch all die jahrelang gezahlten Ausgaben für Steuer, Versicherung und TÜV (versunkene Kosten), weil B. unbedingt an seinem Erbe festhalten wollte.

Plötzlich musste der Wagen ganz schnell weg. Um jeden Preis. Hauptsache, das Girokonto kam wieder ins Haben.

Immerhin hatte die Geschichte etwas Positives: Durch den Übergang auf dem Konto vom Haben ins Soll konnte B. endlich loslassen und mit dem väterlichen Erbe abschließen. Die Nulllinie auf dem Girokonto wirkte wie ein unfreiwilliger Stopp-Loss. So hat sich wieder einmal gezeigt: Menschen empfinden Verluste als viel gravierender und gehen mit ihnen auch ganz anders als mit Gewinnen um.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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