Investmententscheidungen Märkte

Bitcoins reloaded

von Joachim Goldberg am 27. Januar 2015

Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass Bitcoins (BTC) zumindest unter seinen Fans für Aufsehen sorgten, weil sie innerhalb von sechs Wochen einen Kurssturz von 50 Prozent erlebten und mit 170 USD pro Coin den tiefsten Stand gegenüber dem Dezember 2013 markierten, als diese virtuelle Währung bei einem Preis von 1.200 USD kurzzeitig sogar mehr wert war als eine Unze Gold.

Und als der Kurs kurz darauf wieder nach oben schnellte und die 220 USD überschritt, musste ich nicht lange warten, bis mich mein ehemaliger Kompagnon Herman darauf ansprach, aber nicht, weil die 220er Marke einen wichtigen Chartpunkt dargestellt hätte. Vielmehr handelte es sich um den Preis, bei dem auch ich im Spätherbst 2013 nahe dran war, an der sich damals mit überwältigender Kraft aufbauenden Hausse teilzunehmen. Aber dann war mir der Markt davongelaufen.

Nun geriet ich erneut ins Grübeln, weil dieser Referenzpunkt sich fest in meinem Kopf verankert hatte. Denn ich musste mir ja selbst eingestehen, damals eine vermeintliche Kaufgelegenheit verpasst zu haben (vgl. HIER und HIER), während mein Kompagnon schon Kursziele von bis zu 10.000 USD pro Bitcoin ausrief – allerdings ohne ein einziges virtuelles Geldstück gekauft zu haben. Ich habe die Tage von damals nicht vergessen, an denen ich angesichts meines Pre-Commitments (eigentlich wollte ich ursprünglich kaufen) während der massiven Hausse verschiedene Stadien des Bedauerns und der Reue (Regret) durchlebte.

Umso mehr erfüllte es mich mit Genugtuung, als sich im Laufe des vergangenen Jahres mein Verdacht, es müsse sich bei der Entwicklung der Bitcoin-Mania um eine Abwandlung der Tulpenhausse aus dem 17. Jahrhundert handeln, bestätigte. Der Kurssturz der virtuellen Währung sollte heftiger ausfallen als die jüngste Abwertung des russischen Rubels. Und als der Wert eines Bitcoins unlängst wieder unter meinen virtuellen Einstandspreis von 220 USD fiel, sagte ich mir: „Zum Glück war ich nicht dabei!“ Mir war diese schmerzhafte Episode eines großen Gewinns, gefolgt von einem genauso großen Verlust, erspart geblieben. Denn auch ich hätte etwas, das ich bereits gewonnen hatte, nicht mehr gerne hergegeben, weil Verluste schwerer als Gewinne in gleicher Höhe wiegen. Mit anderen Worten: Ich fühlte mich plötzlich wegen dieser vermeintlich verpassten Gelegenheit sogar richtig gut[1].

 

Referenzpunkte als Anker

Fast ein wenig triumphierend rief ich Herman an: „Hast Du Bitcoins gesehen? Zum Glück habe ich da nicht mitgemacht. Und Du hast mich damals deswegen ausgelacht!“ – „Dann kannst Du ja jetzt genau bei dem Niveau von 220 $ einsteigen, das Du damals verpasst hast!“, erwiderte die Stimme am anderen Ende des Telefons.

Ich dachte nicht im Traum daran.

Gestern – Bitcoins wechselten wahrscheinlich aufgrund der quantitativen Lockerungsmaßnahmen der EZB und der Wahlen in Griechenland mit einem Male für mehr als 300 USD den Besitzer – bekam ich wieder einen Anruf. „Ich habe gekauft“, teilte mir Herman trocken mit, und auch ohne dass er mir sagte, was er erworben hatte, wusste ich sofort, wovon er sprach. „Viel?“, fragte ich daher nur und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme leicht verunsichert klang. Denn sofort beschlich mich die böse Ahnung, Herman könnte jetzt mit „meinem(!)“ einstigen selbst gewählten Referenzpunkt sogar Gewinne machen. Ich fühlte mich, als ob jemand die Zahlen von meinem Lottoschein heimlich abgeschrieben und damit einen Hauptgewinn gemacht hätte, während ich selbst es versäumt hatte, den Schein am Lottoschalter abzugeben.

Glücklicherweise hat Herman nur einen einzigen Bitcoin gekauft.

 

[1] Genau genommen hatte ich einen entgangenen Gewinn (wirkt ähnlich wie ein Verlust) in meiner Vorstellung wieder durch einen entgangenen Verlust (wirkt ähnlich wie ein Gewinn) wettgemacht

SCHLAGWÖRTER

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2 Kommentare
  1. Antworten

    Patrick

    1. Februar 2015

    Danke für den tollen Fachartikel zum Thema Bitcoins.
    Wirklich sehr gut geschrieben, Hut ab!
    Freue mich bald mehr davon zu lesen.

    Viele Grüße,
    Patrick

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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