von Joachim Goldberg am 9. Januar 2015

Ging es Ihnen auch so? Weihnachten war dieses Jahr besonders lang. Das kann gut oder schlecht für Familien sein – wie man es nimmt. In meinem persönlichen Umfeld hat sich jedenfalls in diesen Tagen beziehungstechnisch Einiges verändert. So hörte ich etwa von einer Freundin, nennen wir sie hier Elisabeth, dass sie sich nach fast zehn Jahren von ihrem Lebensgefährten getrennt hatte. Eine traurige Geschichte, aber die beiden haben nach meinem Dafürhalten wirklich nicht zusammengepasst. Der Schlussstrich wurde im November 2014 gezogen.

Es sollte nicht lange dauern, bis sich Elisabeth nach etwas Neuem umsah. Tatsächlich nahm sie sich ein Herz und schrieb sich im Internet als Abonnentin bei einer Partnervermittlung für gehobene Ansprüche ein. Für all diejenigen, die jetzt die Nase rümpfen sollten: Da ist heute wirklich nichts mehr dabei. Mich interessierte an dieser Geschichte vor allem, wie meine Freundin die Partnervorschläge abarbeiten würde. Denn der größte Feind menschlicher Entscheidungen ist ja bekanntlich das Bedauern, die Reue, wenn die daran geknüpften Erwartungen nicht in Erfüllung gehen.

Aber im Gegensatz zum Kennenlernen „in freier Wildbahn“, so erläuterte mir Elisabeth am Telefon, würden bei der Partnervermittlung Enttäuschungen doch durch vorher festgelegte Kriterien und Wunschvorstellungen der Interessenten deutlich reduziert. So hatte sich der Personenkreis interessanter Kandidaten auch für Elisabeth entsprechend verkleinert – mit etwas Glück ließe sich so der Liebe auf die Sprünge helfen, dachte auch meine Freundin.

„Den Ersten nehme ich aber schon aus Prinzip nicht, denn wer weiß, was mir dadurch entgeht“, erklärte Elisabeth unlängst am Telefon. Und mir wurde klar, dass sich alle zukünftigen Partnervorschläge an diesem ersten würden messen lassen müssen. Ein Referenzpunkt, der – eigentlich völlig willkürlich gewählt – nur deswegen entsteht, weil meine liebe Freundin mit Partnervermittlung im Internet bislang keine Erfahrung hatte.

 

Noch eine Entscheidung mit hohem Einsatz

Die Geschichte erinnerte mich sehr stark an die Praktiken eines Grundstücksmaklers, – ja, wer‘s nicht glauben mag: Privatleben und Ökonomie haben sehr viel miteinander zu tun – der sich diesen Effekt „des ersten Mals“ gerne zu Nutze macht. Wohl wissend, dass Kaufinteressenten das erste Objekt nur äußerst selten erwerben, stellt er an den Anfang seiner Besichtigungstour vorzugsweise eher überteuerte Bruchbuden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Interessenten nicht infrage kommen. Aber dieser Anker verfehlt bei allen weiteren Angeboten seine Wirkung nicht, denn zwangsläufig werden alle folgenden Objekte an diesem ersten Referenzpunkt gemessen. Und damit der erste Besichtigungstermin nicht ganz umsonst gewesen ist, schlägt der Makler vor, noch schnell eine weitere Immobilie zu inspizieren. Immerhin: Das durchschnittliche Einfamilienhaus ein paar Straßen weiter nimmt sich fast wie ein Schnäppchen aus. Wenngleich immer noch zu teuer, kostet es doch deutlich weniger als die Bruchbude. Nicht Wenige haben ihr Eigenheim in erster Linie gekauft, weil es ihnen relativ günstig erschien.

Nun aber zurück zu Elisabeth. Da hatte glücklicherweise kein Makler die Hand im Spiel. Aber bei der Partnerwahl gelten ähnliche Gesetzmäßigkeiten. Vielleicht hätte Elisabeth tatsächlich gleich den ersten Kandidaten nehmen sollen. Gefallen hat er ihr schon. Mittlerweile hat die Gute sechs Rendezvous absolviert – alle Bewerber (und das mit fallender Tendenz) konnten jedoch der Nummer Eins nicht das Wasser reichen. Ich hoffe, dass sich dieser Abwärtstrend nicht fortsetzt, sonst ist tatsächlich zu befürchten, dass Elisabeth eines Tages die Geduld verliert und sich mit dem Nächstbesten zufrieden gibt. Hätt‘ sie doch den Erstbesten genommen.

 

SCHLAGWÖRTER

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3 Kommentare
  1. Antworten

    Fritz Iversen

    9. Januar 2015

    Sehr schöner Querschlag. Aber haben Sie sich on einmal gefragt, ob es überhaupt irgendetwas gibt, dass der Mensch ohne Vergleichspunkt einschätzen bzw. beurteilen kann? Es beginnt schon auf der Wahrnehmungebene (man braucht mindestens 2 Standpunkte zur Entfernungseinschätzung, wobei 2 Augen schon mal helfen, außerdem bewegt man aber den Kopf etwas. Ähnlich aber auch beim Hören oder beim Gewicht schätzen). Dabei kann die Vielzahl der Erfahrungen schließlich einen Verbesserung der Qualität bringen (nehmen Sie einen Recruiter, der schon mit 3.000 Bewerbern gesprochen hat).
    In Ihrem Beispiel fällt daher auch auf, dass Ihre Bekannte ja wohl schwerlich zum erstenmal Männern begegnet ist. Vermutlich hat sie auch längst schon Ihr Ideal im Kopf, sodass es jetzt lediglich darum geht, wie nah die Realität dem Ideal kommen kann. Dann wäre der Erste Kandidat im neuen Spiel gar nicht wirklich Erste, sondern lediglich das erste Vergleichen von Ideal und Wirklichkeit. Das wären schon 2 Referenzpunkte. Sie könnte aber noch mehr haben, z.B. er soll aussehen wir Brad Pitt, sportlich sein wie …, einen FGürhungscharakter haben wie … und obendrein noch so weise wie ihr Freund Joachim Goldberg … gut möglich, das wegen solcher Referenzpunkt-Kombinationen die Dating-Dienste nicht besonders erfolgreich sind (theoretisch müsste die Pärchenbildung ja sonst nach wenigen Wochen das vorandene Potenzial abgearbeitet haben).

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      9. Januar 2015

      Herzlichen Dank! Sie bringen mich ins Grübeln 😉 Sie haben vollkommen Recht: Tatsächlich bewerten die meisten Menschen relativ – ein Umstand, den sich leider mancher Ökonom bis heute immer noch nicht auf die Fahne geschrieben hat. Und was Elisabeth angeht: Es gibt noch den Peak-end-Effekt, der jeweiligen Höhepunkt und das letzte Erlebnis einer Geschichte, die darüber entscheiden, ob wir etwas noch einmal erleben oder lieber schnell vergessen möchten.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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