Märkte

Deutschland will nicht

von Joachim Goldberg am 10. Dezember 2014

Die Zeichen mehren sich, dass die Europäische Zentralbank das größte Anleihekaufprogramm in ihrer Geschichte möglicherweise bereits im Januar in Angriff nehmen wird. Nun gibt es nach Informationen der FAZ innerhalb der EZB Berechnungen darüber, wie sich ein solches QE-Programm auf die Inflation auswirken könnte. Danach würde ein Anleihekaufprogramm in Höhe von 1.000 Milliarden Euro eine Erhöhung der Inflationsrate von lediglich 0,15-0,60 Prozent mit sich bringen. Diese Berechnung basiert auf verschiedenen makroökonomischen Modellen, bei denen der Durchschnittsinvestor vermutlich keine Ahnung hat, worauf diese beruhen. Aber darum geht es auch nicht.

Die Reaktion auf diese Simulationen fiel erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Die einen wehren sich ohnehin vehement aus verschiedensten Motiven gegen ein QE-Programm. Wobei man natürlich durchaus zu dem Schluss kommen könnte, dass bei einer Erhöhung der Inflationsrate am unteren Ende der Simulationsbandbreite von 0,15 Prozent Anleihekäufe zur Bekämpfung von Deflationsgefahren ohnehin keinen Sinn hätten. Andere wiederum rechnen hoch und kommen zu dem Schluss, dass man für ein Prozent Mehr an Inflation ein QE-Programm von ca. 7.000 Milliarden Euro auflegen müsste.

Mir scheint indes nur eines gewiss: Die bisherigen Maßnahmen der EZB (Covered Bonds und ABS-Ankäufe) sind nicht dazu geeignet, die Bilanzsumme der Zentralbank um eine Billion Euro aufzublähen, geschweige denn gegen sinkende Inflationsraten wirkungsvoll vorzugehen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass jene Maßnahmen zu einem Zeitpunkt beschlossen wurden, als die Prognosen der EZB und anderer Institute für Wachstum und Inflation der Eurozone noch wesentlich höher als zuletzt lagen. Anders ausgedrückt: Die EZB hat ihr Mandat bislang nicht überschritten, sondern mit Kompromissen wegen des Widerstands der Neinsager innerhalb des EZB-Rats vernachlässigt.

Schon lange stoßen die Pläne der EZB, massenhaft Staatsanleihen aufzukaufen, bei vielen Ökonomen hierzulande auf teilweise sehr deutlich formulierte Kritik. Und manchem Kommentator ist erst vor kurzem klar geworden, dass der Ankauf von Staatsanleihen letztlich dieselbe Wirkung und die gleiche Haftung der Mitgliedstaaten wie die Einführung von Eurobonds mit sich bringt. Abgesehen davon, dass die Kritiker dieser Pläne keine wirkungsvollen Alternativen vorschlagen, bleibt bei der ganzen Diskussion eines unverkennbar: Deutschland will nicht für die anderen haften. Tatsächlich bin ich geneigt, Martin Wolf von der Financial Times zu folgen, der in seiner heutigen Kolumne feststellt, dass sich Deutschland nicht darum gerissen habe, den Euro zu bekommen. Im Gegenteil: Der Euro war der Preis, den andere törichterweise von den Deutschen für die Wiedervereinigung verlangt hatten. Aber eines stellt Wolf ebenfalls klar: Die deutschen Politiker hätten die politischen und ökonomischen Konsequenzen einer Währungsunion [damals durchaus] begriffen. Und dieser Zahltag rückt nun auf die eine oder andere Weise immer näher.

Wie die Börsianer anhand dieser Erkenntnisse derzeit die Lage für den DAX einschätzen, können Sie wie immer mittwochs HIER nachlesen, wo ich die jüngste Stimmungsumfrage für die Börse Frankfurt kommentiert habe.

 

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3 Kommentare
  1. Antworten

    Michael

    11. Dezember 2014

    Wer mehr Inflation will, kann das sehr einfach über Steuersenkungen und Zinsanhebungen erreichen. Das blutleere Wachstum hat wahrscheinlich die viel zu niedrigen Zinsen als Ursache. Wenn man in den USA und in Japan QE aus dem BIP rausrechnet, ist die Wirtschaft dort nicht gewachsen. Die Schulden sind stärker gestiegen, als die Wirtschaft wuchs. Inflation muss per se nicht negativ sein, aber diese Form ist es. Die tiefen Zinsen bewirken unter der Prämisse dass Staatsanleihen keines Eigenkapitals bedürfen, dass die Banken sich Staatsanleihen in die Bilanz legen und so prima von den Steuergeldern der zunehmend verschuldeten Staaten leben können. Damit wird die Kreditvergabe an den Privatsektor ausgebremst, die private Wirtschaft kann überhaupt nicht wachsen. Es wäre völlig egal, wie niedrig der Zins ist, nur die Schulden der Staaten müssten unaufhörlich wachsen. Dieses Spielchen wird erst durchbrochen, wenn die bestehenden Staatsschulden nicht mehr wachsen, und die Zinsen trotzdem am Boden gehalten werden. Aus diesem Blickwinkel hat Merkel sehr wohl Recht und die südeuropäischen Korruptistans machen wirklich alles falsch, was man falsch machen kann. Denn, sollten die Zinsen mal steigen, müßten sie die Steuern auf unmögliche Niveaus anheben, oder wären sofort bankrott. Natürlich werden die Zinsen dann steigen, wenn die Geldbesitzer das Vertrauen in das „Geld“ verlieren. Bei Negativzinsen der EZB und einiger Banken ist Kapitalflucht reiner Selbsterhaltungstrieb der Geldbesitzer.

    Was weltweit seit 2008 an den Finanzmärkten veranstaltet wird, ist Terror der Schuldner gegen ihre Gläubiger. Die Schuldner glauben, ihre Gläubiger wären gezwungen sie mit Freibier zu versorgen. Nicht nur, dass das scheitern wird, so ein System gehört in die Mülltonne der Geschichte.

    Die Eurozone hat Bilanzüberschüsse. Damit ist es hirnlos Staatsanleihen ankaufen zu wollen. Das macht nur bei den USA Sinn, die seit Jahrzehnten Doppeldefizite fahren. Die Zinsen in den meisten Euroländern sind geringer als in den USA, deshalb wächst in der Eurozone trotzdem nichts, was der Beweis meiner Thesen wäre. Draghi ist eine totale Fehlbesetzung. Seine Leute sind unfähig.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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