von Joachim Goldberg am 7. Oktober 2014

Eigentlich hatte ich sie schon längst vergessen. Ich meine die Bitcoins. Aber am Montag fiel mir die ganze Geschichte wieder ein, als ich las, dass die virtuelle Währung die 300-Dollar-Linie unterschritten habe. Das wirkt schon ernüchternd, wenn man bedenkt, dass Ende November 2013 ein Bitcoin sogar einmal teurer als eine Unze Feingold war. Aber nur einen Tag lang. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie mir damals Experten in schönsten Farben ausmalten, dass der Wert eines Bitcoin mit Leichtigkeit auf fünf oder 10.000 US-Dollar ansteigen könne. Da sah ein Einstiegskurs von rund 1.200 USD, damals auf dem Allzeithoch, gegenüber dem vollmundigen Versprechen einer möglichen Verachtfachung des Wertes der Bitcoins immer noch günstig aus.

Aber ich fühlte mich damals gewissermaßen wie ein gebranntes Kind, denn ich hatte vier Wochen zuvor die Gelegenheit verpasst, für sage und schreibe 220 USD pro BTC einzusteigen. Auch höre ich noch die Stimme meines Kollegen und Freundes Herman in meinen Ohren: „Ich hab‘ Dir doch gesagt, dass man Bitcoins haben muss.“ Das tat richtig weh, auch wenn es sich um das Resultat eines Hindsight-Bias vom Feinsten handelte. Aber da Herman damals seiner eigenen Prognose nicht wirklich traute, hatte auch er (aus meiner Sicht glücklicherweise) keine Reichtümer mit der virtuellen Währung verdient. Anders ausgedrückt: Mir fehlte bei einem Kurs von 1.200 USD ein triftiger Grund, bei diesem Wahnsinn mitzumachen, weil es niemanden in meinem Umfeld gab, mit dem ich um den Titel „Reichster Mann durch cleveren Bitcoin-Deal“ konkurrieren musste.

Dass ich damals schon mutmaßte, es könne sich beim Bitcoin-Markt um eine Spekulationsblase handeln (vgl. HIER), die den Charakter der Tulipmania annehme, ist eine Geschichte. Aber ich habe auch gelernt, dass der Vergleich mit Nachbarn, Freunden und Verwandten in finanziellen Angelegenheiten vermieden werden sollte. Denn deren Erfolg oder Misserfolg führt zu Referenzpunkten, die auf Entscheidungen der Vergangenheit beruhen. Über künftige Gewinne sagen diese Geschichten zwar nichts aus, aber solche Referenzpunkte wirken manchmal wie Anker. Vor allem wenn Andere Gewinne gemacht haben, die wir als fast so deprimierend wie einen eigenen Verlust wahrnehmen, den man glaubt wettmachen zu müssen. Das führt manchmal zu einem Aktionismus, der ohne diesen Vergleich nicht stattgefunden hätte.

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2 Kommentare
  1. Antworten

    Jens

    17. Oktober 2014

    Charles Ponzi lässt grüßen: Auch Web Cent von 1&1 will kein Mensch mehr haben. Ich habe noch 1 Cent in meinem Account und bin froh und dankbar darüber. Nichts anderes als Gutscheine, frei gehandelt. Spektisch ohne Ende sollte man da sein! 🙂

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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