Behavioral Living Märkte

Gehen, wenn es am schönsten ist

von Joachim Goldberg am 11. März 2014

Hatte kürzlich eine Diskussion mit meiner 15jährigen Tochter, die auf eine Party gehen wollte. Und wie das alle Eltern von Heranwachsenden in diesem Alter schon einmal mitgemacht haben, kam  unweigerlich auch bei uns die Diskussion auf, wie lange sie denn dort bleiben dürfe. „Aber Papa, wenn wir jetzt schon eine Zeit festlegen, kann es ja passieren, dass ich dann gerade gehen muss, wenn es am schönsten ist“, reagierte mein Tochter missmutig auf meine Absicht, von Vornherein ein zeitliches Limit festzulegen. Mir war natürlich klar, dass es bei so einem „Event“ vor allem um eine „gemeinsame Situation“, eine erlebte Gemeinsamkeit geht, die man nicht gerne unvermittelt abbrechen möchte. Glücklicherweise gibt es aber in der Behavioral Economics einen Ansatz, mit dem ich meine Tochter zumindest für einen kurzen Moment argumentativ in Erstaunen versetzen konnte. Natürlich erzählte ich dem Mädchen nicht vom Peak-End-Effekt, wonach man vor allen Dingen den Höhepunkt und das Ende eines Ereignisses im Gedächtnis behält. Mit anderen Worten: Wenn man sich dauerhaft an ein schönes Erlebnis erinnern möchte, sollten dessen Höhepunkt und Ende möglichst zusammenfallen.

Aber Menschen fällt es in der Gegenwart generell schwer, zukünftige Ereignisse richtig einzuschätzen. Genauso wenig konnte sich meine Tochter vorstellen, dass sie glücklich und zufrieden eine Party verlassen könnte, wenn sie tatsächlich durch meine zeitliche Vorgabe an deren Höhepunkt würde von dort aufbrechen müssen.

 

Optimal in der Zukunft heißt nicht optimal in der Gegenwart

In den Finanzmärkten verhält es sich übrigens ähnlich. Wenn uns ein Gewinn in Aussicht gestellt wird, scheint es uns ein Leichtes zu sein, unser Engagement am Aktienmarkt bis zum Optimum auszureizen. Ein vorzeitiger Abbruch? Undenkbar. Vielmehr möchte man natürlich seine Aktien am Höhepunkt eines Aufwärtstrends verkaufen. So stellen sich dies die meisten Anleger zumindest vor einem Engagement vor. Ist man allerdings erst einmal im Markt drin, sieht die Geschichte ganz anders aus. Die Angst, das bereits Erreichte wieder zu verlieren, verleitet uns vor allem mit fortschreitender Zeit dazu, Gewinne möglichst bald festzuhalten, sprich: zu realisieren. So gesehen tritt der für ein Aktienengagement anfängliche Referenzpunkt, von dem aus Gewinne und Verluste wahrgenommen werden, der Einstandspreis, mit der Zeit in den Hintergrund  und wird beim Entstehen von Gewinnen durch einen neuen Bezugspunkt, dem bislang erreichten Optimum des Engagements, abgelöst. Wenn also eine Aktie auf ein neues Hoch steigt und danach ein Stück zurückfällt, blicken die meisten Menschen nicht mehr auf die Differenz von Kaufkurs und (reduziertem) Marktpreis, mithin einem Gewinn. Vielmehr wird der Rückfall der Kurse vom Optimum häufig sogar als Verlust wahrgenommen, den man im Gegensatz zu einem wahrgenommenen Gewinn nicht mehr gerne realisieren möchte. Und je weiter sich ein Wertpapier vom Optimum nach unten entfernt, desto stärker wächst die Aversion auszusteigen.

Übertragen auf die Partysituation müsste dies doch bedeuten, dass es den Menschen leicht fallen sollte, das Fest zu verlassen, wenn sich die Stimmung auf einem temporären Siedepunkt befindet. Aber der entscheidende Unterschied zu den Finanzmärkten besteht wohl darin, dass es nicht um Geld geht. Dagegen steht eben diese erlebte Gemeinsamkeit, von der man nicht genug bekommen kann.

Was wir am Ende jedoch behalten, ist nach einem geglückten Geschäft an den Finanzmärkten und nach einer schönen Party ganz ähnlich: Eben die jeweiligen Höhepunkte und die letzten Erlebnisse, die darüber entscheiden, ob wir so etwas noch einmal erleben oder lieber schnell vergessen möchten.

In beiden Fällen übrigens kann uns nur eines die gute Laune verderben. Es sind diejenigen die uns am nächsten Tag mitteilen, was wir alles verpasst haben, wären wir doch nur länger dabei geblieben – schon wieder ein Referenzpunkt, der uns eigentlich unnötig relativ unzufrieden machen könnte. Aber nur solange wir uns zu sehr an anderen statt an uns selbst orientieren.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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