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Bücher sind uncool

von Joachim Goldberg am 31. Januar 2014

Ein Werbespot, der bereits seit einigen Monaten immer wieder auf einigen Fernsehkanälen zu sehen ist, regt mich ganz besonders auf. Er ist Bestandteil einer Kampagne der Direktbank Cortal Consors, ist in schwarz-weiß gedreht und scheint auf den ersten Blick sogar recht lustig zu sein. Gezeigt wird eine Buchhandlung, in der ein von den Büchern offensichtlich überforderter Börsenanfänger von einem Angestellten in Sachen „aussagekräftige Finanzliteratur“ beraten wird. Der Kunde hält das Buch an sein Ohr, lässt es auf und zu schnappen und erklärt dem Verkäufer: „Sagt mir gar nichts. Oder hören Sie etwas?“ Die erste Assoziation, die dieser Spot bei mir hervorrief, war: Bücher lesen ist altmodisch und bringt nichts. Und so mag es vielen anderen Menschen, besonders aber Jugendlichen und Schülern, beim Genuss dieses Werbespots auch ergangen sein. Mit der Schlussfolgerung: Lesen ist out und uncool.

Jetzt könnte man natürlich einwenden, Erfolg in den Finanzmärkten könne sich ja auch niemals der Lektüre von Fachbüchern verdanken, sondern sei vielmehr eine Frage von Erfahrung. Ich selbst kann mich noch daran erinnern, dass ich während meiner ersten Tagen als Devisenhändler einen Kollegen nach einschlägiger Literatur fragte und dieser mir mit einem Achselzucken entgegnete: „Das brauchst du nicht, wir machen hier learning by doing.“ Am Ende habe ich genau auf diese Weise meinen Beruf erlernt, aber während der Ausbildung stand mir ja auch immer jemand zur Seite, der mich im Zweifel an die Hand nahm und vor allzu großen Dummheiten bewahrte.

 

Probleme mit der Prozentrechnung

Dieses Glück haben viele Normalverbraucher nicht. Die Wirtschafts- und Finanzbildung ist vielerorts schlecht, und die Menschen haben Probleme mit der Prozentrechnung oder dem Zinseszinseffekt. Oft haben sie keine Ahnung davon, wie sich Preise durch Angebot und Nachfrage bilden und verändern, geschweige, dass sie Produkte verstehen, die sie von ihren Vermögensberatern angeboten bekommen. Eine große Mehrheit – so vermute ich – hat schlicht keine Lust, sich mit Geld und Finanzen auseinander zu setzen, obgleich ihnen immer mehr Eigenverantwortung für die Altersversorgung zugemutet wird.

In den USA hat man immerhin als Folge der Finanzkrise eine Bundesbehörde für Finanz-Erziehung eingerichtet, weil man Analphabetismus in Finanzangelegenheiten als eine der Hauptursachen für die große Rezession ansieht. Und tatsächlich erscheint es auf den ersten Blick sinnvoll, dass die Bürger in Sachen Geld und Finanzen ausgebildet sind. Aber die Hauptursache für die große Rezession in den USA bestand jedoch nicht nur in einer unkontrollierten Vergabe von Hypotheken oder intransparenten strukturierten Produkten der Investmentindustrie. Neben der Unwissenheit des Durchschnittsamerikaners spielten auch die Gier und das Unvermögen, die finanziellen Möglichkeiten adäquat einschätzen zu können, eine große Rolle.

 

Behavioral Economics auf den Lehrplan

Doch die Theorie um Geld und Finanzen wirkt für viele grau und langweilig. Wer beschäftigt sich schon gerne mit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten oder mathematisch-statistischen Rechnungen, zumal, wenn das Erlernte ohnehin nicht sofort in der Praxis angewendet werden kann. Und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn etwa eine Meta-Studie in den USA [1] zu dem Schluss kommt, dass Erziehung in Finanzdingen einen vernachlässigbaren Einfluss auf die damit einhergehenden Entscheidungen ausübt.

Hoffentlich bekommen die deutschen Kultusminister keinen Wind davon! Zumal deren Mehrheit Ökonomie im Lehrplan lediglich als Ergänzung anderer Fächer sieht. Tatsächlich erkenne auch ich wenig Sinn darin, jungen Menschen lediglich die Erkenntnisse der Standardökonomie zu vermitteln. Denn es reicht beileibe nicht aus, zu wissen, wie ökonomisch sinnvolle Finanzentscheidungen aussehen sollen. Viel wichtiger ist es doch, den Menschen zu vermitteln, wie sie überhaupt zu diesen Entscheidung gelangen, wie sie auf dem Weg dorthin beeinflusst und abgelenkt werden können. Und wie der Erfolg oder Misserfolg einer Entscheidung alle weiteren Maßnahmen beeinflussen kann. Kurzum, es geht um die psychischen Faktoren, die optimale Entscheidungen selbst bei hundertprozentiger ökonomischer Informiertheit regelmäßig verhindern. Basiswissen in Finanzen und Wirtschaft reicht nicht. Vielmehr müssten die Erkenntnisse der Behavioral Economics in den Lehrplan aufgenommen werden. Dabei das ein oder andere Buch in die Hand zu nehmen und auch zu lesen, mag vielleicht nicht immer die Erfahrung mit finanziellen Transaktionen ersetzen. Aber Verständnis für die psychische Funktionsweise des Menschen kann vielleicht verhindern, dass diese Erfahrungen allzu kostspielig werden.



[1] Fernandes, Daniel, Lynch Jr, John. G. & Netemeyer, Richard G. (Jan 2014): Financial Literacy, Financial Education and Downstream Financial Behaviors, Management Science, forthcoming

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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