Investmententscheidungen Märkte

„Blase, na und?“

von Joachim Goldberg am 6. Januar 2014

An den ersten Handelstagen im neuen Jahr wird immer nach Vorzeichen und Hinweisen gesucht, wie es denn weitergehen könne mit dem DAX. Vor allen Dingen die Nachfrage nach Punktprognosen, wo das Börsenbarometer wohl Ende des Jahres 2014 stehen werde, ist groß. Da ich solche Vorhersagen als Gesellschaftsspiel für Börsianer betrachte, bei denen ohnehin mit hoher Wahrscheinlichkeit diejenigen richtig tippen werden, die mit den Märkten am wenigsten zu tun haben, war ich richtig froh, als ich am Wochenende bei Spiegel online drei gute Gründe für einen Einstieg in den Aktienmarkt (und drei dagegen) serviert bekam. Wobei mich zugegebenermaßen die Kaufargumente mehr interessierten. Die Aktie, so las ich, sei momentan alternativlos, die deutsche, aber auch die europäische Wirtschaft laufe gut und habe teilweise noch Nachholbedarf. Meinetwegen. Das dritte Argument klang dagegen fast schon ein wenig keck: „Blase, na und?“, fragte der Autor und erklärte, die aktuelle Hausse beim DAX sei ja nicht einmal fünf Jahre alt. Frühere Boomphasen hätten indes  länger gedauert. Und am Ende münde die Stimmung in eine allgemeine Euphorie. Dass wir noch nicht so weit sind, kann auch ich bestätigen. Aber die Sorglosigkeit des Autors, der zu glauben scheint, man könne, selbst wenn sich derzeit eine solche Blase ausdehnen sollte, noch ordentlich Geld bis zu deren Platzen verdienen, stimmte mich dann doch nachdenklich.

Tatsächlich konnte man in der Börsenszene noch Mitte vergangenen Jahres viele Menschen antreffen, die angesichts der starken Aufwärtstrends an manchen Aktienmärkten schnell auf die Bildung gefährlicher Blasen zu sprechen kamen. Verbunden mit dem kategorischen Imperativ eines „Finger weg!“ So auch beim DAX. Was danach kam, ist hinlänglich bekannt – es ging weiter nach oben, und das vergangene Jahr wurde knapp unter dem Allzeithoch beendet. Für viele stiegen die Kurse also viel weiter als gedacht. Und wer in den vergangenen beiden Jahren aus nachvollziehbaren Gründen gegen diesen Trend gehalten hat oder gar zum x-ten Mal dessen großen Zusammenbruch ausrief, mag nunmehr zu dem Schluss gekommen sein, dass sich die Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt möglicherweise selbst jetzt noch viel weiter nach oben entwickeln könnte, als man das bisher geglaubt hatte. Vielleicht mag dies den Autor von Spiegel online zu der kühnen Annahme verleitet haben, man könne Blasen womöglich sogar reiten. Und zwar so lange, bis sie platzen.

 

Ritt auf der Blase

Ich hingegen bin skeptisch, ob dergleichen gelingen kann. Denn Blasen sind typischerweise dadurch gekennzeichnet, dass Menschen ein viel zu starkes Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten (overconfidence) an den Tag legen, so dass, vor allem in Phasen der Euphorie, ihr Blick auf die Märkte vernebelt ist. Zusätzlich kann uns das Erfolgsgerede der anderen, erfolgreichen Mitstreiter an den Märkten am Ende einer Blasenphase ohnehin so sehr beeindrucken, dass wir gerade dann auf keinen Fall aussteigen möchten. Genauso wie der sichtbare Beweis täglicher Erfolge, der selbst eingefleischte Warner verstummen lässt.

Und wer am Allzeithoch steht und gerade darüber nachgrübelt, ob er die Party verlassen möchte, dann aber zulange zögert und schließlich mitansehen muss, wie sein Lieblingsinvestment plötzlich und scheinbar aus dem Nichts an einem Tag mehrere Prozent seines Wertes verliert, wird sich schnell damit beruhigen, es handele sich doch nur um eine gesunde Korrektur. Und mental sorgt der Bezugspunkt verpasstes Allzeithoch ohnehin dafür, dass sich die meisten Akteure in diesem Moment in einer Verlustsituation wähnen. Relative Verluste, die man versucht wieder wettzumachen, statt sie im Zweifel zu realisieren und auszusteigen. Nein, die meisten von uns werden es nicht merken, wenn just in einem solchen Augenblick die Blase platzt.

SCHLAGWÖRTER

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2 Kommentare
  1. Antworten

    Sandro Valecchi

    10. Januar 2014

    „Im Moment wird (fast) alles gekauft, was Aktien betrifft“, sagte mir in dieser Woche im persönlichen Gespräch ein Mitarbeiter aus dem Geschäftsbereich der zweitgrößten Bank in Deutschland. Insoweit kann ich Ihre Überlegungen zu Ihrem Beitrag „Ritt auf der Blase“ gut nachvollziehen. Zwar würde ich selbst (noch) keine „Blase/Bubble“ sehen (wollen), aber durchaus eine Situation an den Märkten, die heikel werden könnte. Die Euphorie verdrängt derzeit rationale Analysen. Sandro Valecchi, Analyst

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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