Märkte

Falsche Wegmarken

von Joachim Goldberg am 3. Dezember 2013

In meinem Blog vom vergangenen Donnerstag habe ich die ketzerische Frage gestellt, ob man beim DAX angesichts eines Allzeithochs noch einsteigen könne. Bevor man diese Frage beantworten kann, muss man sich zunächst darüber im Klaren sein, dass menschliche Entscheidungen sehr stark von unterschiedlichen Referenzpunkten abhängig sind. Egal, ob es sich um einen Schuhkauf mit Rabatt oder um Aktien handelt – eigentlich benötigen wir  im Wirtschaftsleben harte Daten und Analysen, um den Kauf oder Verkauf eines Gutes zu begründen. Doch stattdessen suchen die meisten von uns – oft auch einfach nur aus Bequemlichkeit – nach Anhaltspunkten dafür, ob etwas günstig oder teuer ist, indem sie beispielsweise Vergleiche mit Preisen anstellen, die andere Entscheider für richtig gehalten haben.

„Billig“ oder „teuer“ wird gerne im Kontext der Börsenhistorie, also anhand von Höchst- und Tiefstständen der (jüngeren) Vergangenheit gemessen. Daher wird es für die meisten Akteure an den Finanzmärkten immer dann kritisch, wenn solche Bandbreiten an einer Seite durchbrochen werden. Und weil der DAX derzeit sein vergangenes Handelsband seit Wochen an der Oberseite immer wieder überschreitet und sogar neue historische Höchststände markiert, erweckt er den Anschein, überteuert zu sein. Deswegen fällt es vielen schwer, jetzt noch einzusteigen. Dabei treibt sie nicht nur die Angst um, dass  die Kurse anschließend fallen und sie diese Entscheidung bereuen könnten. Vor allem fehlt ihnen die Orientierung in diesen neuen, unbekannten und nie dagewesenen Kursregionen.

Dennoch muss es anscheinend genügend Entscheider geben, die sich sogar am Allzeithoch zu einem Engagement durchringen. Und diese müssen nicht mal tollkühn oder gänzlich durchgeknallt sein, um diesen Schritt zu wagen. Vielmehr orientieren sie sich einfach an anderen Referenzpunkten als den vergangenen Tiefs oder Hochs. Etwa wenn ein konkurrierender Fondsmanager im DAX stärker als man selbst engagiert ist. Dann gilt vor allem nur noch, dass man beim Kaufen unbedingt mithalten muss.

 

Man muss nicht mitmachen

Dem gegenüber verfügen Privatanleger gewissermaßen sogar über den „Luxus“, bei einer solchen Hausse nicht zwingend mitmachen zu müssen. Bis zu dem Tag, wo sie plötzlich erkennen, dass der Nachbar mutiger gewesen war und sich mit seinen Gewinnen etwas leistet, was man selbst gerne gehabt hätte. Dann muss nur noch ein guter Freund über Nacht reich geworden sein, weil er seine schon fast vergessen geglaubten Bitcoins auf der Festplatte eines alten PC wiedergefunden hat, und schon wirft auch ein ansonsten besonnener Mensch plötzlich angesichts solch toller Geschichten alle Grundsätze der Vernunft über Bord. Da spielt es auch keine Rolle mehr, wenn man eine Aktie zu 40 € kauft, die gestern noch mit 35 € als überbewertet galt.

Was manchmal noch wie ein durchdachter Strategiewechsel aussieht, kommt in Wahrheit also einer Kapitulation gleich. Man hat es schlichtweg satt, den entgangenen Kursgewinnen im steigenden Markt immer nur hinterherzulaufen. Und weil der erfolgreiche Freund voller Überzeugung ein Kursziel von 70 Euro ausruft und man ihm aufgrund seiner vergangenen Erfolge vollends vertraut, bekommt man gratis sozusagen einen neuen Bezugspunkt frei Haus mitgeliefert. Gegenüber dem Kursziel von 70 Euro sieht ein Kauf bei 40 Euro geradezu wie ein Schnäppchen aus. Bitcoins mit 1.200 US-Dollar kaufen? Die sind gegenüber den Kursen vom Jahresbeginn von etwas mehr als 13 Euro schon beängstigend weit gelaufen. Ob da die Kraft für weitere Abenteuer reicht? Kein Problem, könnte man meinen, wenn man nur genügend vertrauenswürdige Experten um sich herum hat, die auf fünf- oder 10.000 Dollar für einen Bitcoin warten. Mehr noch sorgen diese neuen Referenzpunkte dafür, dass Risikoaversion zu Risikofreude mutiert. Anders ausgedrückt: Man nimmt nicht mehr die bisherigen (wenn auch verpassten) Kursgewinne, sondern nur noch die hohen Kursziele wahr.

Unsere Entscheidungen an den Finanzmärkten werden also in erheblichem Maße durch alte und neue Referenzpunkte beeinflusst. Und dabei handelt es sich um Bezugsgrößen, die manchmal sogar bewusst von Dritten manipuliert werden. Denn die meisten Menschen verhalten sich eben angesichts eines relativen Verlustes (das halb leere Glas) eher risikofreudig, während sie, wenn sie den gleichen Sachverhalt als relativen Gewinn (das halb volle Glas) präsentiert bekommen, vorzugsweise risikoavers agieren.

An der Börse sollte man sich von derlei Referenzpunkten möglichst nicht irre machen lassen. Stattdessen empfiehlt es sich, bei einem Aktienkauf losgelöst von allem Getrommel an sich selbst die Gretchen-Frage zu richten, ob man abseits und ohne Beachtung des bisherigen Kursverlaufs und aller Zielmarken immer noch bereit wäre, etwa aufgrund fundamentaler Bewertungsmaßstäbe, einzusteigen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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