Gesellschaft Märkte Wirtschaft

Der Homo oeconomicus ist tot!

von Joachim Goldberg am 27. Februar 2013

Las vor kurzem in der FAZ[i] mit Erstaunen einen Beitrag des Chefvolkswirts der Commerzbank, Jörg Krämer, in dem dieser die Meinung vertritt, der Homo oeconomicus sei noch am Leben. Tatsächlich handele es sich nur um eine Gruppe von jüngeren Volkswirten, die das Modell des Homo oeconomicus attackierten und unter dem Beifall von Kapitalismusgegnern eine Abkehr von der liberalen Wirtschaftspolitik forderten. Abgesehen davon, dass die Kritiker dieses Kunstmenschen weiß Gott nicht nur unter jüngeren Volkswirten zu finden sind, sondern durchaus auch unter „älteren“ Nobelpreisträgern, ist es andererseits nicht wahr, dass der Homo oeconomicus nur unter Neoliberalen seine Fans hat. Aber viel wichtiger ist doch der Umstand, dass dieses theoretische Konstrukt eben nicht zutreffend das tatsächliche Verhalten von Anlegern, Unternehmern und Politikern wiedergibt. So bewerten die meisten von ihnen Verluste viel stärker als Gewinne – eine Reaktion, die dem Homo oeconomicus, für den nur die realen Beträge gelten, völlig fremd ist. Auch sind Menschen im Gegensatz zu ihm keine reinen Nutzenmaximierer; vielmehr werden sie in ihrem Handeln von vielen verschiedenen Motiven angetrieben. Denn auch Momente wie Missgunst, Neid, Fairness oder Wohlbefinden beeinflussen uns bei jeder unserer Entscheidungen, bei denen es doch in der Logik des Homo oeconomicus nur darum gehen sollte, diejenige unter den Handlungsalternativen zu finden, die den größten ökonomischen Nutzen verspricht. Ganz zu schweigen davon, dass kein Börsianer so vollständig und umfassend informiert ist, wie es, der Theorie nach, der Kunstmensch stets sein soll. Längst haben Psychologen – und nicht nur sie – erkannt, dass ein Mensch nicht in der Lage ist, alle verfügbaren Informationen aufzunehmen, geschweige denn, sie adäquat zu verarbeiten und zu bewerten. Schlicht weil die Kapazität seines Gehirns nicht ausreicht.

 

Wir sind nur Satisficer

Auch die absolute Rationalität, die dem Homo oeconomicus nachgesagt wird, verlangt Übermenschliches von realen Akteuren. Vielmehr müssen wir wohl im Sinne des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Herbert Simon von begrenzter Rationalität (bounded rationality) sprechen. Denn der Mensch hat weder die Zeit noch die Ressourcen, nach der besten aller Entscheidungen zu suchen. Nicht umsonst identifizierte Simon den Menschen auf der Suche nach einer guten Entscheidung als Satisficer, eine englische Wortschöpfung aus satisfying (befriedigen) und suffice (genügen): Der Mensch sucht eben nur solange nach Alternativen, bis er die erstbeste Lösung gefunden hat, die seinen Ansprüchen genügt, Ansprüchen, die auf Erfahrungen der Vergangenheit beruhen. Und oftmals strebt er am Ende sogar nach etwas, das ihn oft gar nicht zufrieden stellt. All dies sind keine Ausnahmen, keine Patzer von einzelnen Minderleistern, sondern Phänomene, die in schöner Regelmäßigkeit auftreten, beim wissenschaftlichen Experiment wie auch auf dem Börsenparkett. Und im echten Leben.

Das von Jörg Krämer angeführte Beispiel, demzufolge die Politiker, ganz als „Homines oeconomici“, im Sommer 2012 die Europäische Zentralbank dazu gebracht haben sollen, die Währungsunion durch die Ankündigung zu stabilisieren, man werde im Zweifel Anleihen der Peripherieländer kaufen, beweist für mich eher das Gegenteil seiner These. So ist das Commitment der europäischen Politiker bei der Lösung der Probleme in der Eurozone mittlerweile extrem hoch, weswegen künftige Entscheidungen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht danach gefällt werden, ob sie ökonomisch sinnvoll oder gar optimal sind. Vielmehr werden neue Maßnahmen im Lichte des Erfolges oder Misserfolges vorangegangener Entscheidungen getroffen. Es ist gerade die Reduzierung des Homo oeconomicus auf wenige wesentliche Eigenschaften – wobei man ihm alles vorsorglich weggenommen hat, was auch nur im entferntesten mit Psychologie zu tun hat,  – die letztlich als Grundlage manch schöner Modelle dient, ihn aber leider stets realitätsfern bleiben lässt. Kein Wunder also, wenn sich Finanzmärkte als nicht effizient erweisen und viele Annahmen der Standardökonomie in der Krise nicht gezogen haben.

Christin Stock und ich haben es in unserem Buch Genial einfach entscheiden – Besser denken, handeln und investieren im täglichen Entscheidungsdschungel (siehe dazu auch unser Interview im Deutschen Anlegerfernsehen [DAF]) so ausgedrückt: „So viel man ihn auch modifiziert hat, um ihn menschlicher zu machen – der Homo oeconomicus bleibt dem Menschen fremd.“



[i] FAZ vom 25.2.2013, S. 26

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
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Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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