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Moral und Märkte

von Joachim Goldberg am 5. November 2012

Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik“. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes Buch „Die Optimierungsfalle“ zulegte, das auch Grundlage des von mir gehörten Vortrags war. Darin versucht Nida-Rümelin, die Grundlagen einer humanen Ökonomie zu skizzieren. Was mich jedoch sofort befremdete, war, dass er dabei seinen Begriff von ökonomischer Rationalität dem traditionellen Bild des homo oeconomicus entlehnt, einem Verständnis von ökonomischem Handeln also, das mittlerweile vielerorts als völlig überholt gilt.

 

Schwierige Nutzenmaximierung

Um es kurz zu machen: Ich habe in der ganzen Argumentation die Erkenntnisse der Behavioral Economics vermisst. Denn spätestens seit Herbert Simon den Begriff der begrenzten Rationalität eingeführt hat, muss einem doch klar sein, dass der ökonomische Optimierer in der Praxis seine Präferenzen weder vollständig kennt noch jede seiner Handlungsalternativen durchrechnen oder deren Folgen richtig einschätzen kann. So vermögen wir uns zum Beispiel aktuell gar nicht auszumalen, wie sehr wir uns in der Zukunft an Gewinne und Verluste gewöhnen werden, weshalb wir deren tatsächlichen Nutzen nicht richtig einschätzen können. Weil wir in der Realität, im Gegensatz zum rationalen Entscheider, Verluste als viel gravierender erleben und bewerten als Gewinne in gleicher Höhe.

Zwar wurde mir auf meine Nachfrage, wo denn bei dem ganzen Diskurs die menschliche Psyche bleibe, freundlich vom Vortragsredner beschieden: „Ja, ja, Behavioral Economics, kenne ich natürlich auch.“ Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Nida-Rümelin Erkenntnisse aus einer verhaltensorientierten Ökonomie nicht berücksichtigen wollte.

Stattdessen vertrat er in seinem Vortrag die Ansicht, der globale Finanzkapitalismus handle in seinem ausschließlichen Streben nach Effizienz und Optimierung verantwortungslos und habe auf diese Weise auch die seit dem Jahre 2008 herrschende Finanzkrise ausgelöst. Aber auch bei der Feststellung des Redners, eine funktionierende Kommunikation sei für den ökonomischen Erfolg unverzichtbar und eine gelingende Kommunikation setze die Befolgung der Normen Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit voraus, dachte ich weniger an Tugenden, von denen der eine Mensch mehr und der andere Mensch weniger hat. Sondern mir kam natürlich sofort Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz in den Sinn. Und dieser Theorie zufolge können selbst wahrhaftige Menschen bei aller Aufrichtigkeit Opfer einer selektiven Wahrnehmung werden. Was zu ihren Entscheidungen passt, wird stark vergrößert, und was nicht dazu passt, wird verkleinert oder manchmal sogar völlig ignoriert. Das betrifft sowohl die Rezeption als auch die Weitergabe von Informationen. So wird, um das Beispiel Nida-Rümelins aufzugreifen, der Rat, den eine Frau ihrer Freundin in einer Beziehungskrise erteilt, wesentlich auch davon abhängen, wie es gerade um ihr eigenes Liebesleben steht. Hat sie sich selbst gerade von ihrem Partner getrennt, wird sie die Freundin ermutigen, auch diesen Schritt ins Single-Dasein zu wagen. Hat sie sich indes dazu durchgerungen, trotz gravierender Verstimmungen einen Neuanfang mit ihrem Freund zu wagen, wird sie vermutlich auch der Freundin empfehlen, durchzuhalten und „an der Beziehung zu arbeiten“, wie sie selbst es sich vorgenommen hat. Ähnliche Verhaltensmuster finden wir auch an den Finanzmärkten. Empfohlen wird doch das, was jemand aufgrund seiner eigenen Entscheidungen für richtig hält, was aber nicht notwendigerweise das Richtige sein muss. Auf diese Weise können sogar „falsche“ Normen entstehen, die letztlich zu Herdenverhalten und Blasenbildung in den Finanzmärkten führen können. So gesehen, ist der ökonomische Mensch zumindest phasenweise durchaus zur Freundschaft fähig, eine Eigenschaft, die Nida-Rümelin ihm abspricht.

 

Relative Moral durch Gewöhnung

Wenn Professor Nida-Rümelin postuliert, dass „der ökonomische Markt nicht moralfrei“ sei, dann stimme ich ihm zu 100 Prozent zu. Aber auf Grund ganz anderer Einsichten. Der homo oeconomicus kennt tatsächlich keine Moral, nur existiert er in der Realität gar nicht, weil auch an den Märkten hauptsächlich nicht auf Profit programmierte Menschen agieren. Und deren Motive sind vielfältiger als das ewige, eindimensionale Maximieren von Gewinnen. Ich sehe stattdessen in der Gewöhnung die conditio humana schlechthin. Wir gewöhnen uns an unseren Reichtum, an den Komfort, den er uns ermöglicht, mit der fatalen Folge, dass wir ihn immer mehr steigern müssen, um überhaupt noch Befriedigung zu spüren. So entsteht Gier. Der Bonus muss eben auch jedes Jahr höher ausfallen. Wohin das führt, zeigt die aktuelle Finanzkrise. Dass dieser Mechanismus auch in anderer Hinsicht gefährlich werden kann, beschreibt der großartige Film Dogville von Lars von Trier – ein philosophisches Drama, dessen Erkenntnis darin besteht, dass Menschen auf Grund abnehmender Sensitivität durch Gewöhnung immer heftigere Gewalt und Repression anwenden und immer grausamer werden können, während die Selbstwahrnehmung der eigenen moralischen Integrität davon unangetastet bleibt. Ursache dafür ist  eine kaum wahrnehmbare Verschiebung von Referenzpunkten, die mit der Zeit zu massiven Verhaltensänderungen führen kann. Diese psychologischen Faktoren sind allerdings jenseits von Gut und Böse angesiedelt. Und gegen selektive Wahrnehmung und Gewöhnungseffekte kann man mit moralischen Appellen nur wenig ausrichten. Gleichwohl darf auch eine humane Ökonomie und neue Wirtschaftsethik sie nicht übersehen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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