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Nicht alles ist rotes Gold

von Joachim Goldberg am 4. Oktober 2012

Auf der Flucht in Sachwerte suchen vor allem Privatanleger immer häufiger nach Alternativen zu physischem Gold. Ihr Interesse gilt daher Kunst, alten Automobilen, Diamanten oder hochwertigen Weinen. Dabei hat die Anlageklasse „Wein“ in den vergangenen Jahren besonders großes Aufsehen erregt, da sich die Preise für hochwertige Gewächse, gemessen am Live-ex Fine Wine Index 100, von Mitte 2005 bis Mitte 2011 in der Spitze mehr als verdreifacht hatten. Gerade als im Jahre 2010 die Ernte des vorangegangenen Jahrgangs aus Bordeaux lanciert wurde, schien der Weinhimmel nach oben offen zu sein. Chateau Lafite & Co. übersprangen teilweise mit Leichtigkeit die 1000-€-Hürde (pro Flasche versteht sich!) und richtig dramatisch wurde es, als bei einer Versteigerung des Auktionshauses Sotheby’s in Hongkong eine Flasche Chateau Lafite-Rothschild aus dem Jahre 1869 alle Rekorde brach und für mehr als 233.000 Dollar den Besitzer wechselte. Das waren Renditen, die selbst so manchen Goldbug aufhorchen ließen[1]. Während dieses starken Aufwärtstrends wurde natürlich auch der ein oder andere Weinfonds aufgelegt.

 

 

Auch ich bin ein Weinfreund, und deshalb ist mir ein Artikel in der „Financial Times“ über einen der größten Wein-Investmentfonds der Welt, Nobles Crus, nicht entgangen. Auch nicht die Grafik, auf der die Wertentwicklung des Fonds dargestellt wurde, der Investoren aus ganz Europa zu seinen Kunden zählt und mittlerweile über ein Portfolio von 54.000 Flaschen hochwertigen Weines aus Bordeaux und Burgund verfügen soll. Nicht nur das: Seit seiner Auflegung soll der Fonds pro Jahr eine Rendite von 13 Prozent erwirtschaftet haben. Diese Entwicklung spiegelt sich weitgehend auch in der Entwicklung des als Benchmark weithin akzeptierten Live-ex Fine 100 Index wider. Allerdings hat Letzterer seit seiner Spitze im Jahr 2011 mehr als ein Viertel seines Wertes verloren, während die Performance von Nobles Crus sich unbeirrt und ohne einen einzigen Verlustmonat weiter nach oben entwickelte – eine Divergenz, die bei manchem kritischen Beobachter und ebenso bei mir Stirnrunzeln auslöste.

 

 Massive Bewertungsunterschiede

Auch der Autor des Beitrags in der „Financial Times“ entdeckte offenbar sehr deutliche Unterschiede darin, wie der Weinfonds seine 50 größten Positionen selbst bewertet und wie vergleichbare Flaschenbewertungen der Live-ex ausfielen. Die Ursache für diese Differenz war schnell gefunden, denn Nobles Crus, so wurde in dem Artikel erläutert, legt der Bewertung seiner roten Pretiosen den Durchschnitt zweier von Auktionshäusern erzielten Preise (ohne Kommission) und den Durchschnitt der Preise zweier Weinhändler zugrunde. Gerade bei Letzteren gibt es bekanntlich erhebliche Unterschiede. Wer sich einmal die Mühe macht und beim Internet-Preis-Portal von winesearcher.com nach guten Bordeauxweinen Ausschau hält, wird schnell feststellen, dass die Preise für ein und denselben Wein zum Teil um mehr als 100 Prozent differieren können. Dabei bleibt vollkommen offen, ob auf diesem Niveau jemals tatsächlich Umsätze zustande gekommen sind. Mit anderen Worten: Der Markt für gute Rotweine ist ziemlich intransparent.

Die ganze Geschichte wird eigentlich erst dann interessant, wenn die Investoren eines Tages ihre Fondsanteile verkaufen möchten. Oder sobald ein Fonds als Ganzes in einem Markt liquidiert werden soll, einem aber gleichzeitig die Nachfrageseite nicht bekannt ist, da sich die Preise zurzeit in einer Abwärtsbewegung befinden. Da kann sich, wie übrigens bei vielen anderen Engagements in intransparenten Märkten auch, das, was auf dem Papier wie rotes Gold glänzte, beim Realisieren schnell in einen essigsauren Verlust verwandeln. Daher sollte man Aussteigern aus dem Fonds bei allen möglichen Bewertungsunstimmigkeiten zumindest die Möglichkeit geben, sich ihren Einsatz nicht in Geld, sondern physisch aus dem Weinfundus auszahlen zu lassen.  Dann ist das Erwachen nicht ganz so brutal. Ganz nach dem Motto „verloren und doch gewonnen“.

Leser unseres Blogs haben sich unterdessen im vergangenen Monat nicht so sehr mit Genussthemen beschäftigt. Vielmehr zeigt unsere interne Hitliste, dass der ARTE-Film über Goldman Sachs die Gemüter bewegt hat. Denn sowohl der Beitrag Goldmans Gehorsam als auch Geheimbund Goldman belegten den dritten bzw. ersten Platz bei den Abrufen im September. Dazwischen lag ebenfalls ein Blog (Mit Freund K durch die Krise), der sich damit beschäftigte, wie man sich persönlich gegen den worst case der Eurokrise absichern kann – allerdings nicht ohne Kosten.



[1] Der Goldpreis hatte sich übrigens von Mitte 2005 bis Mitte 2010 gegenüber dem Dollar glatt und im Verhältnis zum Euro knapp verdreifacht

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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