Wirtschaft

Verstehen Ökonomen nichts von Wirtschaft?

von Joachim Goldberg am 27. August 2012

Las unlängst in der Wirtschaftswoche den Essay „Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft“ von Dieter Schnaas[1]. Ein provokanter Titel, der sogar meine Zustimmung gefunden hätte, wenn der Autor sich nicht in einem hemmungslosen Rundumschlag versucht hätte, um die Volkswirtschaftslehre aus vielen Blickwinkeln heraus zu diskreditieren. So warf er ihr in seiner Einleitung vor, sie habe sich zu sehr mit Modellmathematik und Alltagspsychologie von der Wirklichkeit entkoppelt. Und dann geht es los. Etwa, dass vor ein paar Wochen 250 Professoren der Ökonomie in großer Sorge zum Protest gegen die Euro Politik der Bundesregierung aufgerufen hätten – auch wir fanden den Appell verspätet und deplatziert (vgl. Sinnloses Anschreiben). Irgendwann wendet sich der Essay natürlich auch der Psychologie zu. Ja, die Wirtschaftswissenschaftler zauderten immer noch, von der klassischen Lehre abzurücken, und versuchten weiterhin, Märkte naturgesetzlich zu erklären. Aber Menschen seien eben in ihrem Verhalten nicht vernunftgesteuert und berechenbar, und weil sie auf diesen schlichten Umstand – der Autor spricht hier fast schnippisch von „Erkenntnis“ – hinwiesen, würden Wissenschaftler wie Robert Shiller, George Akerlof oder Daniel Kahneman als die großen Erneuerer  der Zunft gefeiert. Woran Schnaas die Frage anschließt, für welche bahnbrechende Leistung denn Akerlof und Kahneman den Nobelpreis verliehen bekommen hätten. Bereits für die These, dass Menschen keine Rationalitätsroboter, dafür aber  Reizreaktionsmaschinen seien?

 

90 Prozent Psychologie an den Märkten

Tatsächlich wurde Daniel Kahneman im Jahr 2002 als erstem Psychologen (und nicht als Volkswirtschaftler!) der Nobelpreis für Ökonomie verliehen, aber solche Details interessieren Dieter Schnaas in seinem Furor nicht. Vielmehr beklagt er, jeder Geisteswissenschaftler würde sich fremdschämen, wenn Ökonomen erst heute zu begreifen schienen, dass Menschen bei ihren Entscheidungen möglicherweise kognitive Verzerrungen unterliefen. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, er finde, Daniel Kahneman habe den Nobelpreis nicht verdient. Denn mit der Entdeckung der eingeschränkten Rationalität hätten sich doch schon ganz andere beschäftigt. Da fehlte eigentlich nur noch der Hinweis, dass die Kursbewegungen an den Finanzmärkten grundsätzlich nicht rational erklärt werden könnten und dass 90 Prozent dessen, was dort geschieht, aus Psychologie bestehe, oder besser gesagt, aus den einander abwechselnden Zuständen von Angst, Hoffnung, Gier und Verzweiflung, die allesamt nicht quantifizierbar seien.

Doch fällt der Autor mit dieser Darstellung weit hinter dem zurück, was sich mittlerweile unter der Bezeichnung Behavioral Economics als Versuch einer Synthese der Einzelwissenschaften Ökonomie und Psychologie etabliert hat. So konnte in zahlreichen wissenschaftlichen Studien, vor allem dank der Pionierarbeit Daniel Kahnemans, eindeutig gezeigt werden, dass die Menschen in ihrem Denken, Handeln und in ihren Urteilen tatsächlich kognitiven Verzerrungen unterliegen, und das oftmals so zuverlässig und regelmäßig, dass sich diese Abweichungen von der rationalen Norm systematisch erfassen und damit sogar vorhersagen lassen. Auf Basis der Behavioral Economics lassen sich also Prognosen stellen, wie sich Menschen in der Zukunft entscheiden oder verhalten werden. Ferner gelang mit der Prospect Theorie in zahlreichen Experimenten der Nachweis, dass die Menschen Gewinne und Verluste nicht nur unterschiedlich bewerteten, sondern ihre Beurteilung überdies stark von einem jeweils vorgegebenen Referenzpunkt abhängig war. Dasselbe Phänomen kennen wir aus den Finanzmärkten. Dort ist es der Einstandspreis eines Engagements, der meist darüber bestimmt, ob wir uns als Gewinner oder Verlierer sehen.

 

Psychologen werden nicht durchgelassen

Auf diese Zusammenhänge haben uns erst die Behavioral Economics aufmerksam gemacht. Deshalb frage ich mich genauso wie der bekannte Wirtschaftsblogger Dirk Elsner, warum es diese neue wissenschaftliche Disziplin bis heute nicht geschafft hat, von Analysten und Ökonomen, aber auch von Unternehmenslenkern und politischen Entscheidern als allgemeingültiger Standard akzeptiert und auch im Tagesgeschäft der Finanzmärkte berücksichtigt zu werden. Liegt es daran, dass die Türsteher der Standardökonomie, wie es Dirk Elsner sinngemäß ausgedrückt hat, die Psychologen nicht vorbeilassen wollen? Oft werde ich von Anhängern der Standardökonomie gefragt, welche Gewinne man denn eigentlich mit den Erkenntnissen der Behavioral Economics machen könne. Eine Frage, die seltsamerweise den Volkswirten so gut wie nie gestellt wird. Gerne wird auch der Einwand vorgebracht, die Behavioral Economics hätten im Gegensatz zur Standardökonomie kein Modell vorzuweisen. Wo doch gerade die Modelle der Standardökonomen in der Praxis und ganz besonders bei der Finanzkrise versagt haben.

 

Euro-Krise wird laufengelassen

Vielleicht muss man die Antwort auf diese Frage ganz woanders suchen. Auf die Erkenntnisse der Behavioral Economics zu vertrauen hieße nämlich, sich mit dem eigenen Verhalten auseinander zu setzen und sich zu mehr Selbstdisziplin zu erziehen, verbunden mit der unangenehmen Konsequenz, die Verantwortung für das eigene Versagen nicht mehr auf andere, etwa auf die Fehlanalysen der Standardökonomen, abschieben zu können. Da ist es doch psychologisch viel einfacher, sich mit „objektiven“ Daten zu befassen und lediglich zu beurteilen, ob sie nun besser oder schlechter als erwartet ausgefallen sind.

Braucht man sich da noch zu wundern, warum auch Deutschland immer tiefer in den Sog der Euro- Krise hineingerissen wird? Warum Politiker – entgegen aller Beteuerungen – weiterhin Geld in ein Fass ohne Boden werfen? Sie haben einfach bis heute nicht begriffen, dass auch sie nicht frei und unvoreingenommen auf Basis nüchterner Daten und Fakten handeln, sondern stattdessen als Gefangene ihrer früheren Entscheidungen viel zu lange an etwas festhalten, dessen Scheitern schon längst hätte eingestanden werden müssen. Wie ein Verlust an der Börse, den man immer weiter laufen lässt, statt ihn sich einzugestehen und endlich zu realisieren.

SCHLAGWÖRTER

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8 Kommentare
  1. Antworten

    Tim

    29. August 2012

    Auf diese Zusammenhänge haben uns erst die Behavioral Economics aufmerksam gemacht.

    In der Marketingforschung bzw -psychologie gab es schon seit den frühen 60ern Studien über irrationale Entscheidungen von Konsumenten, die zugrundeliegenden Ideen hatte man im Prinzip schon in den 20ern. Natürlich, denn wie hätte man auch sonst Waren verkaufen können! (Wenn man will, kann man entsprechende Gedanken übrigens auch bei Karl Marx finden.) Für welche bahnbrechende Erkenntnis Kahneman den Nobelpreis bekommen hat, ist mir höchst schleierhaft. Ich vermute einen Tunnelblick der Juroren.

    Das Problem der Ökonomie ist nicht der homo oeconomicus, sondern die mangelhafte Theoriebildung. Es fehlt schlicht an nicht-trivialen Modellen, die belastbare Vorhersagen erlauben. Und damit meine ich nicht: „Morgen wird an den Märkten das und das passieren“, sondern: „Wenn an den Märkten X passiert, wird danach Y passieren“. Sowas wäre Wissenschaft.

    In ihrem derzeitigen Zustand ist die Ökonomie eine Ansammlung irrelevanter Beobachtungs- und Theoriefragmente. Der Grund dafür liegt in ihrer mangelnden Attraktivität für Mathematik- und Informatik-Absolventen.

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      29. August 2012

      Vielen Dank für den Beitrag, dem ich teilweise widersprechen muss. Seltsamerweise werden die Erkenntnisse der Behavioral Economics immer wieder mit Erkenntnissen zur menschlichen Irrationalität gleichgesetzt – darum geht es aber nicht primär in der BE. Davon handelt auch http://www.wirtschaftswurm.net/2012/verstehen-oekonomen-wirklich-nichts-von-wirtschaft-der-streit-aktuell/ – auch ein Blick auf Herbert Simons „bounded rationality“ ist in diesem Zusammenhang hilfreich oder das hervorragende Video von Gerd Gigerenzer: http://www.youtube.com/watch?v=PIsNt_7sah4&feature=related

      Dann geht es bei Ihnen so weiter:

      „Für welche bahnbrechende Erkenntnis Kahneman den Nobelpreis bekommen hat, ist mir höchst schleierhaft. Ich vermute einen Tunnelblick der Juroren.“

      Die Erkenntnisse von Daniel Kahneman und seinem vor langer Zeit bereits verstorbenen Mitstreiter Amos Tversky haben die Wirtschaftswissenschaften dramatisch beeinflusst. Mit der Prospect Theorie schufen sie nicht nur ein Modell menschlichen Entscheidungsverhaltens, das Entscheidungen unter Unsicherheit besser als die traditionellen Modelle abbildet.

      Überdies fanden Kahneman & Tversky heraus, dass die von ihnen erstmals
      systematisch erforschten Heuristiken nicht zu zufälligen, sondern zu systematischen Verzerrungen beim menschlichen Urteilen führen. Dass der Mensch irren kann, wissen wir tatsächlich schon lange. Irrt er aber systematisch, kann man zukünftiges Verhalten prognostizieren und im Zweifel ausnutzen.

      Genau deswegen erhielt Kahneman für seine Forschungen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

  2. Antworten

    Tim

    29. August 2012

    Dass der Mensch irren kann, wissen wir tatsächlich schon lange. Irrt er aber systematisch, kann man zukünftiges Verhalten prognostizieren und im Zweifel ausnutzen.

    Auch das wissen wir schon sehr lange. Die US-Army hat z.B. schon in den 40er Jahren systematisch Persuasionsforschung betrieben und allerlei merkwürdige Effekte des menschlichen Gehirns aufgespürt. Es ging dort natürlich nicht um ökonomisches Verhalten, aber um ganz ähnliche Beurteilungsvorgänge. Diese und viele andere Studien gehörten schnell zum Kanon der Sozialpsychologie. Die Ökonomie hat einfach geschlafen.

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      29. August 2012

      Ja, die Ökonomie hat geschlafen und tut es immer noch. Aber Kahneman, Tversky etc. sind keine Ökonomen, sondern Psychologen. Sicherlich gab es bereits vor Kahneman Forschungen in der Psychologie, von denen mich Festingers Dissonanztheorie (zu einer Zeit als ich etwa die Prospect Theorie überhaupt nicht kannte) bis heute immer noch am meisten beeindruckt. Aber das kann doch das, was danach kam, nicht entwerten.

  3. Antworten

    Tim

    29. August 2012

    Aber das kann doch das, was danach kam, nicht entwerten.

    @ Joachim Goldberg
    Ich bin von der Ökonomie sehr enttäuscht. Immerhin gibt es sie seit mehr als 250 Jahren, und doch hat sie ihr wissenschaftliches Fundament noch immer nicht gefunden.

    Bin übrigens erfreut von Ihrem Blog. Werde hier wahrscheinlich künftig öfter aufkreuzen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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