Behavioral Living Wirtschaft

Moderner Finanz-Kapitalismus

von Joachim Goldberg am 1. Juni 2012

Der US-Ökonom Robert Shiller hat den Finanz-Kapitalismus – trotz aller Exzesse – als eine Erfindung bezeichnet, die sich immer noch in einer Entwicklung befände, die noch längst nicht abgeschlossen sei. Er fordert eine Demokratisierung und Humanisierung dieses Kapitalismus mit dem Ziel, allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu diesem System zu ermöglichen. Eine solche Gleichberechtigung sei jedoch nur möglich, wenn den Teilnehmern an den Finanzmärkten alle Informationen und Ressourcen zur Verfügung stünden[1]. Mehr noch, so die Forderung Shillers, müssen bei der Weiterentwicklung finanzwirtschaftlicher Produkte und Erfindungen die neuesten Erkenntnisse der ökonomischen Theorie, aber auch die Erfahrungen der Verhaltensökonomik und der Behavioral Finance einfließen. Zumal sich Letztere – im Gegensatz zur reinen Ökonomie – mit der Erforschung der tatsächlichen Einschränkungen befasst, die rationalen menschlichen Entscheidungen immer wieder im Wege stehen.

Proteste gegen finanzielle Ungleichheit, Banken und Regierungen waren hierzulande vor noch nicht einmal zwei Wochen Gegenstand der so genannten Blockupy-Demonstration in Frankfurt am Main, die, entgegen der Befürchtung vieler, überraschend friedlich verlaufen war – ein Thema, dem sich auch der im Mai auf Platz drei stehende Beitrag unserer meistgelesenen Blogs mit dem Titel „Der Besserwisser-Konjunktiv“ gewidmet hatte. Ansonsten überrascht uns immer wieder, dass in unserem Behavioral Economics/Finance-Blog vor allem Problemstellungen aus dem Privatleben oder Verbraucherthemen von besonderem Interesse sind. Offensichtlich haben viele Menschen die Nase voll von Euro Zonen-Katastrophen und sonstigen Untergangsszenarien. Und so stand im Vormonat auf Platz zwei der meistgelesenen Beiträge das Problem, wie man seinem Chef eine Massenkündigung verkauft zur Debatte: „Achtung Erdrutsch!“, so der Titel.  „10.000 (Euro) bei erster Diagnose“ hat die meisten Leser zumindest neugierig gemacht, obwohl hinter der möglicherweise reißerischen Überschrift ein sehr nachdenklich stimmender Blog über die Verkaufsmethoden eines renommierten Kreditkartenunternehmens stand.



[1] Shiller, Robert J.: The state of Finance: An Interim Assessment, http://www.theglobalist.com, 30. Mai 2012

SCHLAGWÖRTER

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1 Kommentar
  1. Antworten

    Schmitz

    1. Juni 2012

    Ich vermisse den Star beim US-Ökonom Robert Shiller.

    Diesem sauberen Herrn, Steigbügelhalter und Stiefelknecht der globalen Finanzmafia, reicht der Kapitalismus noch nicht. Wie auch, Leute wie er, die sog. Ökonomen, profitieren ja auch, und nicht zu knapp, genau wie die und fast nur die, die in diesem kapitalistischen System das Sagen haben, also die Plutokraten, die fast die gesamte Erde inzwischen besitzen, die Finanz-Kapitalisten, die, die das Geld aus dem Nichts zaubern dürfen als einzige und damit auf Shopping-Tour gehen, nach dem Motto, ich greif mir die Welt, wie sie mir gefällt, egal was sie kostet, ich drucke schließlich selbst.

    Diese ganze kapitalistische System ist krank, und der Finanzkapitalismus ist das ganze in der Turboversion. Es nutzt nur einer klitzekleinen, monströsen Minderheit, die buchstäblich über Leichen geht, um zum Ziel zu kommen: der Weltherrschaft.

    Der Schlüssel, das Werkzeug, die Waffe dazu ist das von ihnen quasi monopolistisch betriebene und von der Welt, die es nicht besser weiß, weil sie konsequent verblödet wird und dumm gehalten wird, akzeptierte zinsbasierte Schuldgeldsystem, das zu allem Überfluss, und das ist die eigentliche, leider viel zu wenig beachtete Ursache allen Übels, auch noch nicht, wie es sein müsste, auf auschließlich menschlicher Leistung beruht, denn dann hätte jeder eine Chance, sondern auf materiellen Gütern, physischen Werten, die sich diese Gangster aber bereits fast alle unter den Nagel gerissen haben.

    Wer diese Konstellation zu Ende denkt, braucht keinen Doktortitel um zu begreifen, welche Chance die 99 Prozent haben werden in Zukunft.

    Der Finanz-Kapitalismus, den dieser US-Ökonom so lobt, ist das übelste Krebsgeschwür, dass je wuchs. Und es ist im Begriff, selbst zum Wirt zu werden. Das ist einzigartig. Das einzige, was uns, die Menschen, das Leben, die Freiheit noch retten kann, ist, es mit Stumpf und Stiel auszurotten – bevor es uns ausrottet, denn das wird passieren, wenn wir jetzt nicht beherzt und sehr schnell agieren.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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