Behavioral Living Gesellschaft

Wie viel ist genug?

von Joachim Goldberg am 27. März 2012

Gestern habe ich an dieser Stelle die Geschichte der armen Hazel Loveday erzählt. Deren zwölf Busfahrerkollegen hatten 38 Millionen englische Pfund bei der Lotterie „Euro Millions“ gewonnen, sie selbst aber war sechs Monate zuvor aus der Tippgemeinschaft ausgestiegen, weil sie sich den Einsatz von zwei Pfund pro Woche nicht mehr leisten konnte. Ihr Schicksal hat mir genauso wenig Ruhe gelassen wie den Lesern der „Daily Mail online“. Denn die alles bewegende Frage war natürlich, ob die glücklichen Gewinner ihrer Kollegin und früheren Mitspielerin nicht aus alter Verbundenheit etwas von ihrem riesengroßen Gewinn abgeben sollten. 34 Prozent der Leser der Daily Mail waren in der vergangenen Woche der Meinung: ja, sie sollten. Die große Mehrheit aber fand, Frau Loveday habe auf solche Großzügigkeit keinen Anspruch.

Wie stehen also Frau Loveday‘s Chancen, doch noch am Reichtum ihrer ehemaligen Kollegen und Lottobrüder zu partizipieren? Recht gut, wenn man einer Meta-Studie des Max-Planck-Instituts Glauben schenken möchte[1]. In dieser Zusammenfassung der Ergebnisse aus zahlreichen Einzelstudien zu so genannten Diktatorspielen[2]  hat sich nämlich gezeigt, dass Menschen im Durchschnitt bereit sind, 28,3 Prozent eines (Geld)gewinns an andere Menschen abzugeben, obwohl sie es eigentlich nicht müssten, ein Sechstel der Probanden würde sogar die Hälfte spenden. Allerdings zeigten sich gut 36 Prozent aller Teilnehmer egoistisch und weigerten sich, ihren Spielpartner am Gewinn zu beteiligen. Übrigens: Der homo oeconomicus würde ebenfalls nicht mit einem anderen teilen, aber reale Menschen sind anscheinend altruistischer.

Die Studie förderte jedoch auch noch andere interessante Details zu Tage. So hat sich gezeigt, dass sich soziale Distanz negativ auf die Spendierfreundlichkeit der „Geber“ auswirkt. Je näher die zu begünstigende Person dem Gönner stand, desto geringer dessen Bereitschaft, dieser etwas abgeben zu wollen. Waren die Geldgeber indes davon überzeugt, dass der Begünstigte seinen Anteil verdient habe, überließen sie ihm sogar einen größeren Anteil am Gewinn, während die Zahl derjenigen, die gar nichts abgaben wollten, gleichzeitig um die Hälfte sank.

Stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wie viel Geld Frau Loveday von ihren Kollegen erwarten kann. Die „Daily Mail“ setzte gleich einmal einen Anker, indem sie vorrechnete, dass, wenn die Lotto-Gewinner jeweils 10.000 Pfund von ihrem Millionengewinn an die allein erziehende Mutter abträten, insgesamt 120.000 Pfund zusammenkämen. Und das sei genau der Betrag, den Mrs. Loveday benötige, um die Hypothek auf ihrem Haus abzubezahlen. Das klingt plausibel, ist aber dennoch ein willkürlich gewählter Referenzpunkt. Denn man könnte auch sagen: Nur 10.000 von insgesamt 3,16 Millionen Pfund? Das ist doch etwas mickrig! Dabei hat man nicht den Betrag verringert, sondern nur den Referenzpunkt gewechselt. Hazel Loveday selbst hätte nach eigenen Angaben im umgekehrten Fall „1 Mio. Pfund oder mehr“[3] gegeben.

Tatsächlich könnte man stundenlang darüber sinnieren, wie glücklich Mrs. Loveday wäre, wenn sie ein Almosen von ihren ehemaligen Kollegen und Mitspielern bekäme. Den besten Tipp, den man in diesem Fall für die Zukunft geben kann: Wenn Ihnen nahestehenden Menschen, also von Kollegen, Freunden oder Nachbarn eine Tippgemeinschaft angeboten wird – machen Sie von Anfang an und bis zum Ende mit. Auch wenn es ökonomisch nicht sinnvoll sein sollte. Denn das Bedauern über einen entgangenen Super-Jackpot wiegt im Zweifel schwerer als der Ärger über die wöchentlich zum Fenster hinausgeworfenen Lottoeinsätze.



[1] Engel, Christoph: Dictator Games: A Meta Study, Reprints of the Max Planck Institute for Research on Collective Goods, Bonn 2010/07

[2] Als Dikatorspiel wird eine Variante des so genannten Ultimatumspiels bezeichnet. Bei letzterem muss eine Person einen (hypothetischen) Geldbetrag zwischen sich und einem anderen Spieler so aufteilen, dass dieser der Verteilung zustimmt. Lehnt der Spielpartner indes ab, so bekommen beide Spieler nichts. Beim Diktatorspiel hat der Spielpartner ein derartiges Vetorecht nicht und muss mit dem Vorlieb nehmen, was ihm angeboten („diktiert“) wurde.

[3] Daily Mail online vom 23.3.2012

SCHLAGWÖRTER

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2 Kommentare
  1. Antworten

    EuroTanic

    27. März 2012

    Ich finde niemand hat einen Anspruch auf Gewinne dieser Art. Denn sie werden durch „Betrug“ generiert. Der Betrug des unsoizialen System „reich werden zu können“. Jeder weiss, dass Glückspiele ein Verlustgeschäft für alle sind. Aber die Psychologie der Massen bereitet den Betreibern alleine jeden Tag horrende Gewinne. Der Menschheit bringen diese Betrügereien nichts. Sie lenken von den Problemen ab die wir alle haben. Soziale Ungerechtigkeit, Kriege, Elend, Hunger…

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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