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Schmerzensgeld

von Joachim Goldberg am 25. Juli 2011

Venedig gilt als teure Stadt. Aber das stimmt nur zum Teil. Denn touristisch gesehen gibt es nur in  San Marco und Rialto ständig „Acqua alta“. Abseits dieser Massenströme kann man nicht nur zu fünft in einem angenehmen und bezahlbaren Quartier wohnen, sondern auch zu akzeptablen Preisen essen gehen. Nur bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bleiben einem keine gestalterischen Möglichkeiten. Natürlich kann man sich zu Fuß auf den Weg machen und sich im Gewirr der Gassen verlieren, aber gleichzeitig bieten die Verkehrsbetriebe ein recht engmaschiges Liniennetz auf dem Wasser an. Und wer etwa auf dem nahe gelegenen Lido dem Städtealltag entfliehen und das Strandleben genießen möchte, besteigt einfach einen dieser stets überfüllten Dampfer und tuckert los. Allein die Fahrpreise wirken abschreckend, doch mit einer Wochenkarte zum Preis von 50 Euro kann man alle Boote unbegrenzt und unentwegt benutzen. Leider gibt es für Kinder keine Ermäßigung, so dass ich zähneknirschend 250 Euro für die erste Ferienwoche berappte.

Tatsächlich gelang es mir, dem Zahlenmenschen, diese bittere Pille schnell zu vergessen. Und als ich meine erste entspannte Bootsfahrt mit dem Wochenticket zurücklegte, fiel mein Blick auf eine Warntafel: Rucksäcke nicht auf dem Rücken tragen, sondern in der Hand. Der beengten Verhältnisse auf dem Boote wegen. Daneben befand sich ein weiteres Schild, wonach Schwarzfahren 48 Euro kosten sollte. Das ist mehr als beim RMV und dem VGF, den Frankfurter Nahverkehrsverbünden, die 40 Euro verlangen, aber die 48 sahen für mich wie eine Einladung zu einem Vergehen aus. So wie ein teurer Frucht-Joghurt, der mit einem Preis von 98 Cent und nicht für 1,01 Euro angeboten wird, damit er möglichst schnell einen Käufer findet. Ob man in Venedig noch nie etwas von Schwellenpreisen gehört hat? Wie wäre es mit einer abschreckenden 50-Euro-Strafe fürs Schwarzfahren? Oder einer Wochenkarte für verlockende 48 statt der satten 50 Euro?

Übrigens: Venedig ist nicht wirklich familienfeindlich. Im berühmten Café Florian am Markusplatz etwa erspart man den Kindern um 22 Uhr abends den obligaten Zuschlag von sechs Euro pro Gedeck für die kleine Kapelle, die vor den weit geöffneten Fenstern aufspielt. Erwachsene müssen indes für diese Fülle des Misslauts auch noch zahlen. Das Wort Schmerzensgeld erhält da einen ganz neuen Sinn.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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