Investmententscheidungen Märkte

Jenseits von Gut und Böse: Sündenpfuhl

von Joachim Goldberg am 8. April 2011

Zunächst war ich überrascht, dann wurde ich neugierig, als ich vor einigen Tagen in meinem E-Mail-Postfach den Prospekt eines Fonds mit dem pompösen Titel „Peccata Global[i]“ vorfand. Denn wie der Name verrät, hat dieser Fonds, der ausgerechnet in der Fastenzeit (am 1. April 2011) an den Start gegangen ist, etwas mit dem Thema Sünde zu tun. Ja, die Sünde ist sogar sein Programm. Denn in bewusster Absetzung zu jeder Form der „political correctness“ wird das Sondervermögen dieses Fonds sogar ganz gezielt in Aktien investiert, die mit den sieben Todsünden in Verbindung gebracht werden können. Nun kann man sich sicherlich vorstellen, dass nicht jede Fondsgesellschaft bereit ist, ein derartiges Produkt in ihr Portefeuille aufzunehmen. Selbst wenn es stimmt, dass die Performance richtig gut und lasterhafte Investments konjunkturunabhängig sein sollen. Für manchen Anleger mag es dennoch nicht ganz unproblematisch sein, wenn sein Geld Unternehmen aus den Branchen Luxusgüter, Billiganbieter, Investmentbanken, Rüstung, „Erwachsenenunterhaltung“, Alkohol, Tabak etc. finanziert. Zumindest vordergründig. Denn wo Sünde ist, da herrscht auch DoppeImoral, weshalb ich mir durchaus vorstellen könnte, dass mancher  in einem unbeobachteten Moment ein paar Euro für eine derartige Kapitalanlage abzweigt – aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Problematisch wird es für mich jedoch, wenn ich entdecken muss, dass der Fondsmanager– ähnlich wie ich es auch schon bei anderen interessanten Fonds-Ideen feststellen konnte –  seiner pikanten Strategie gewissermaßen als Gütesiegel das Etikett „Behavioral Finance“ verpasst. Mit der Begründung, dass auch er das systematische Verhalten der Marktteilnehmer analysiere, und letztlich würden doch alle Menschen von niederen, eben „sündigen“ Motiven angetrieben.

Natürlich, es stimmt, man könnte einige typische und immer wieder an den Finanzmärkten zu beobachtenden Verhaltensmuster der Behavioral Finance mit den Augen eines katholischen Moraltheologen betrachten und einen Bezug zu den sieben Todsünden herstellen. Etwa beim Stolz, der sich nach einer erfolgreichen Entscheidung mit hohem Commitment zum materiellen Gewinn hinzugesellt und zu einer verfrühten Gewinnmitnahme verführen kann. Auch die Habsucht, man könnte sie ebenso als Gier bezeichnen, mag einen manchmal zu unvorsichtigem Handeln provozieren. Während der Neid beispielsweise auf das Problem der Referenzpunktabhängigkeit vieler Menschen hinweist. Denn sie sind nur zufrieden mit dem, was sie haben, wenn das mehr oder besser ist als das, was der Nachbar besitzt. Dessen Gewinn hingegen wird von ihnen sogar wie ein eigener Verlust erlebt. Auch die Trägheit lasse ich noch als Sünde im Sinne der Behavioral Finance gelten, etwa wenn jemand wichtige, aber unangenehme Entscheidungen vor sich herschiebt. Schwieriger wird es schon mit den Todsünden Zorn, Wollust und Völlerei. Selbst Verfechter der ökonomischen Standardtheorie dürften mir darin zustimmen, dass jede Form der Ausschweifung  und des Exzesses mit der Zeit schal wird, weil die Wonnen des Essens, Trinkens usw. mit einem abnehmenden Grenznutzen verbunden sind.

Die Frage aber bleibt, was nützt mir die Erkenntnis, dass auch die Finanzmärkte ein einziger Sündenpfuhl sind? Denn hier offenbart sich dann doch ein eklatanter Unterschied zwischen der Sündenlehre und der Behavioral Finance: Während erstere die menschlichen Lässlichkeiten moralisch abqualifiziert, versucht die andere, sie genau zu erfassen und zu quantifizieren. Und nur auf diesem Wege gelangt man zu Handelsentscheidungen, die auch profitabel sind. Jenseits von Gut und Böse.


[i] Angeboten wird der Fonds von der BNY Mellon Service Kapitalanlage-Gesellschaft mbH, Fondsmanager ist die CONQUEST Investment Advisory AG

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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