von Joachim Goldberg am 30. März 2011

Bei meinen Vorträgen zur Behavioral Finance spiele ich mit den Zuhörern fast immer ein Ultimatumspiel. Unter anderem, um zu zeigen, dass die Menschen nicht wie in der Theorie des homo oeconomicus beschrieben reine Nutzenmaximierer sind. So wird in der Spielsituation simuliert, dass ein Teilnehmer 10.000 € bekommen soll.  Aber nur unter der Bedingung, dass er diese mit einem anderen Spieler teilt, wobei er bestimmen darf, wie viel er selbst und wie viel der Andere erhält. Stimmt dieser der Aufteilung zu, bekommen beide ihr Geld. Lehnt der Mitspieler indes  ab, ist die ganze Summe futsch, und beide gehen leer aus.  

500 Mal habe ich dieses Spiel bestimmt im Laufe der Jahre gespielt, und niemals ist es vorgekommen, dass ein Mitspieler gemäß der ökonomischen Standardtheorie 9.999,99 € für sich behalten und seinem Mitspieler nur die kleinstmögliche Geldeinheit von einem Cent angeboten hätte. Stattdessen entscheiden sich die meisten Menschen – ob Privatperson oder Investmentprofi – für eine Fifty-Fifty-Lösung, weil diese als besonders fair empfunden wird. Obwohl von Vornherein klar ist, dass es sich nur um  hypothetische 10.000 Euro handelt, haben nur wenige Mut, mehr als die Hälfte des Spielgeldes für sich zu beanspruchen. Vermutlich wollen sie in der Öffentlichkeit nicht als egoistisch und habgierig dastehen.  

In den Fällen, in denen ein Spieler mehr als die Hälfte für sich reklamierte, waren die Mitspieler meist nicht bereit, der vorgeschlagenen Verteilung des Geldes zuzustimmen, wenn ihr Anteil ein Drittel des Geldes oder weniger betrug.

Auf der anderen Seite habe ich es schon ein paarmal erlebt, dass Menschen bei der Verteilung des Geldes ihrem Mitspieler mehr als die Hälfte (meist 60 Prozent) zugedacht haben, „um sich der Zustimmung des anderen“ völlig sicher zu sein – eine Verhaltensweise, die vom übrigen Publikum meist belächelt wird.

Seit einiger Zeit lasse ich dieses Spiel von drei Personen spielen, wobei eine von ihnen verteilt, eine zweite der Verteilung zustimmen muss (ansonsten bekäme niemand etwas) und die dritte ohne Vetorecht das akzeptieren muss, was ihr zugedacht wird.[i] Interessanterweise bekommt die dritte Person fast immer etwas vom Kuchen (meist zwischen zehn und 20 Prozent) ab – manchmal aber eben auch nichts. Richtig interessant wurde es allerdings bei meiner jüngsten Veranstaltung. Denn dort entschied sich derjenige, der über die Verteilung zu bestimmen hatte, für eine vordergründig fair erscheinende Lösung, indem er jedem ein Drittel des Gesamtbetrages zubilligte. Doch sein Mitspieler, dem das Vetorecht verliehen war, fühlte sich gegenüber dem dritten Partner ohne Einspruchsmöglichkeit ganz offensichtlich benachteiligt. Er lehnte die Verteilung mit der Begründung ab, sie würde seiner (Macht)Position nicht gerecht werden. Immerhin verzichtete er  auf 3333,33 €, nur damit die anderen beiden nichts bekämen. Ob er das im richtigen Leben und mit echtem Geld auch so gemacht hätte? Jemand der so denkt, mag vielleicht nicht ganz so viel, aber zumindest einen gewissen Betrag opfern, damit ein anderer Geld verliert.


[i] Genau genommen, handelt es sich um eine Kombination eines Ultimatum- mit einem Diktatorspiel

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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