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Jenseits von Gut und Böse IV: homo misericors

von Joachim Goldberg am 4. März 2011

Sah gestern eine Nachrichtensendung meines Lieblingssenders n-tv und erfuhr dabei, dass gerade der Prozess gegen Markus Frick begonnen hatte. Dieser dürfte vielen Anlegern noch aus TV-Börsensendungen bekannt sein. Nach Angaben von n-tv hat Frick früher außerdem mehrere Börseninformationsdienste herausgegeben; auch als Autor mehrerer Fachbücher habe er sich einen Namen gemacht. Seit Donnerstag nun muss sich der 38-Jährige wegen manipulierter Aktientipps vor einer Wirtschaftskammer des Berliner Landgerichts verantworten. Sicherlich steht es mir nicht zu, darüber zu befinden, ob die gegen Markus Frick erhobenen Vorwürfe berechtigt sind oder nicht. Darüber mögen andere richten. Was mich an der Berichterstattung von n-tv allerdings befremdete, war der fast schon abfällige Tonfall der Stimme aus dem Off, als diese den gelernten Bäcker als einen „selbst ernannten Guru“ bezeichnete.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als die Menschen zu Hunderten in die Veranstaltungen von Markus Frick gepilgert sind. Ja, Markus Frick war damals für viele Anleger eine Kultfigur, und Fachleute, die auch nur ein einziges kritisches Wort über ihn fallen ließen, wurden schnell als missgünstige Neider abgestempelt. Am Ende sollen schätzungsweise 20.000 Menschen durch die falschen Renditeversprechen des Börsen-Gurus zu Schaden gekommen sein[i]. Dabei wird aber eines verkannt: Frick hat sich nie selbst zum Guru ernannt – zum Guru wird man gemacht. Nicht nur von den Medien, die ihn damals als erfolgreichsten Jungstar der Börse gefeiert und oft als Gast in ihren Interviews willkommen geheißen haben. Sondern auch von all den Tausenden, die euphorisch seine Veranstaltungen besucht und alle seine Börsenshows bei N24 verfolgt haben. Mir verriet damals ein Anleger, der sein pekuniäres Schicksal praktisch in die Hände des Gurus gelegt hatte, Geld verdienen an der Börse sei überhaupt nicht anstrengend. Man müsse einfach zuhören, was der nette Markus sagt. Und natürlich dessen Börsenbrief abonnieren, weil „der weiß, wie man Geld verdient, und das auch bewiesen hat“.

Damals wie heute habe ich mich gefragt, warum so viele Menschen immer wieder glauben, andere wären gegen geringe Gebühr oder sogar kostenlos dazu bereit, sie reich zu machen. Warum verspricht jemand eine fast risikolose Rendite von zehn Prozent, wenn es für zehnjährige Staatsanleihen gerade einmal etwas mehr als drei Prozent gibt?

Aber vielleicht werden Sie mir jetzt antworten, ich selbst hätte doch immer behauptet, dass die Teilnehmer an den Finanzmärkten nicht dem Bild des Homo oeconomicus entsprächen und in Wahrheit viel altruistischer seien als ihr allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes, theoretisches Vorbild. Aber sooo altruistisch? Damit wäre ja eine neue Spezies an den Finanzmärkten geboren: der homo misericors, der barmherzige Börsianer.


[i] http://www.n-tv.de/wirtschaft/Prozessauftakt-gegen-Markus-Frick-article2752906.html vom 3.3.2011

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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