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Haitis nächster Präsident

von Joachim Goldberg am 5. August 2010

Wie hoch ist die Chance, dass der bekannte Rapper und Plattenproduzent Wyclef Jean der nächste Präsident von Haiti wird? Genau diese Frage stellten wir heute Morgen auch unserem amerikanischen Mitblogger Todo, nachdem wir eine Email vom Internet-Wettunternehmen InTrade.com mit gleichem Wortlaut erhalten hatten. „70 Prozent“ schätzte er schnell. Der zuletzt gehandelte Preis für einen entsprechenden Wettkontrakt bei InTrade.com lag tatsächlich jedoch nur bei 38,2 (Prozent) – weitere Kontrakte wurden zu 42,6 angeboten.

Todo gilt bei uns als ausgesprochen gut informiert, aber wir ahnten, dass sein Gebot viel zu hoch sein würde. Der Grund: Todo kennt außer Wyclef Jean (den ich bis heute zugegebenermaßen wegen meiner Vorliebe für klassische Musik nicht gekannt habe) keine weiteren Präsidentschaftskandidaten. Geschweige den derzeitigen Präsidenten (René Préval). Ja, er räumte sogar ein, seit der Regentschaft Aristides eigentlich nichts mehr aus dieser Ecke gehört zu haben.

Privatanleger gehen bei ihren Aktieninvestments häufig genauso wie unser Kollege vor: Sie bevorzugen bekannte Marken und ziehen heimische Aktien denen anderer Unternehmen vor, die sie nicht so gut kennen. Ein Verhalten, das am Ende oft zu einem schlecht diversifizierten Portfolio führt.

Der Psychologe Gerd Gigerenzer hat jedoch zu zeigen versucht, dass solche schnellen und einfachen Daumenregeln am Ende dennoch Investoren helfen können*. Dabei präsentierte er in einem entsprechenden Experiment sowohl Laien als auch Experten aus Deutschland und den USA eine Liste mit Aktiennamen, mit der Bitte diejenigen, die sie kennen würden, zu markieren. Dabei schnitt die Aktienauswahl der Laien nicht nur besser als die Entwicklung des jeweiligen Benchmark-Index ab. Mehr noch, waren die Laien besser als die so genannten Experten.

Gigerenzers Studie wurde allerdings vielfach kritisiert. Nicht nur, weil der Zeithorizont für das Experiment mit sechs Monaten zu kurz gewesen sei. Auch hätten zum Zeitpunkt des Experiments vor allem Blue Chips, also Aktien mit hohem Bekanntheitsgrad besonders stark haussiert. Eines muss man dem Professor jedoch lassen: Immerhin befragte er Menschen, die für Aktieninvestments tatsächlich in Frage gekommen wären. Mein Kollege Todo hat dagegen kein Stimmrecht für die Wahlen auf Haiti.

*Simple Heuristics That Make Us Smart – Gigerenzer, Todd & the ABS Research, 1999

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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